Darum geht es
Warum ist die erste deutsche Demokratie gescheitert? Darauf gibt es keine einfache Antwort, und Historikerinnen und Historiker gewichten die Ursachen unterschiedlich. In dieser Lektion vergleichst du Deutungen, ordnest Ursachen und bildest dir ein eigenes, begründetes Urteil. Außerdem prüfst du, welche Lehren das Grundgesetz aus Weimar gezogen hat.
Erklärung
Ein Bündel von Ursachen
Die Forschung ist sich einig, dass mehrere Ursachen zusammenwirkten. Man kann sie in Gruppen ordnen:
| Bereich | Ursachen |
|---|---|
| Verfassung | starker Präsident mit Art. 48 und Art. 25, Misstrauensvotum ohne Nachfolger, keine Sperrklausel, kein Schutz vor Feinden der Demokratie |
| Belastungen aus der Gründungszeit | Kriegsniederlage, Versailler Vertrag, Dolchstoßlegende, Gewalt von links und rechts |
| Wirtschaft | Inflation 1923, Weltwirtschaftskrise ab 1929, Massenarbeitslosigkeit |
| Gesellschaft und Mentalitäten | viele Beamte, Richter, Offiziere und Professoren lehnten die Republik ab, Sehnsucht nach einem starken Führer, Antisemitismus |
| Parteien | Parteien, die die Republik bekämpften (NSDAP, KPD, Teile der DNVP), geringe Kompromissbereitschaft der übrigen |
| Personen und Entscheidungen | Hindenburg und seine Berater setzten ab 1930 auf Präsidialkabinette, konservative Politiker hoben Hitler 1933 ins Amt |
Strukturen und Entscheidungen
Ursachen lassen sich auch so unterscheiden:
- Strukturen sind langfristige Bedingungen, die das Handeln einschränken, etwa die Verfassung, die wirtschaftliche Lage oder verbreitete Einstellungen.
- Ereignisse und Entscheidungen sind Handlungen bestimmter Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa die Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933.
Wer vor allem Strukturen betont, erklärt das Scheitern als schwer vermeidbar. Wer Entscheidungen betont, zeigt, dass es auch anders hätte kommen können.
Drei Deutungen aus der Forschung (zusammengefasst)
Die folgenden Zusammenfassungen sind keine Zitate, sondern gekürzte Wiedergaben der Kernthesen.
- Karl Dietrich Bracher (Die Auflösung der Weimarer Republik, 1955) untersuchte, wie die Republik ab 1930 schrittweise ihre Macht verlor. Er beschreibt einen Prozess vom Machtverlust des Parlaments über ein Machtvakuum bis zur Machtübernahme und betont dabei die Verantwortung der Eliten um den Reichspräsidenten.
- Detlev Peukert (Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, 1987) deutete Weimar als Zeit, in der die Spannungen einer modernen Industriegesellschaft besonders hart aufeinandertrafen. Die Republik scheiterte für ihn auch daran, dass sie die Erwartungen an Wohlstand und soziale Sicherheit in der Krise nicht erfüllen konnte.
- Heinrich August Winkler (Weimar 1918–1933, 1993) betont, dass die Machtübertragung an Hitler nicht zwangsläufig war. Die NSDAP hatte im Herbst 1932 bereits Stimmen verloren. Entscheidend war, dass Hindenburg und konservative Kreise Hitler die Macht übertrugen.
Lehren im Grundgesetz
Der Parlamentarische Rat schrieb 1948/49 das Grundgesetz mit Blick auf Weimar. Man spricht von einer wehrhaften Demokratie:
- Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Grundrechte binden alle Staatsgewalt.
- Artikel 21: Parteien, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen, kann das Bundesverfassungsgericht verbieten.
- Artikel 67: Der Bundestag kann den Kanzler nur abwählen, wenn er zugleich einen Nachfolger wählt (konstruktives Misstrauensvotum).
- Artikel 79 Absatz 3: Die Grundsätze der Artikel 1 und 20 dürfen auch mit Zweidrittelmehrheit nicht abgeschafft werden.
- Der Bundespräsident wird nicht direkt gewählt und hat kein Notverordnungsrecht.
- Das Bundeswahlgesetz enthält eine Fünfprozenthürde.
Beispiele
Beispiel 1: Eine Ursache einordnen
„Hindenburg ernannte Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.“
- Bereich: Personen und Entscheidungen.
- Art: Ereignis, nicht Struktur.
- Bedeutung: unmittelbarer Anlass der Machtübernahme. Ohne vorherige Strukturen wie die Präsidialkabinette und die Stimmengewinne der NSDAP wäre diese Entscheidung aber nicht möglich gewesen.
Beispiel 2: Deutungen vergleichen
Bracher und Winkler betonen beide die Verantwortung der Eliten um den Reichspräsidenten. Peukert stellt dagegen stärker gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen in den Vordergrund. Die Deutungen schließen sich nicht aus. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Merksatz
Die Weimarer Republik scheiterte an einem Bündel von Ursachen: Verfassungsschwächen, Belastungen der Gründungszeit, Wirtschaftskrisen, fehlender Rückhalt in Teilen von Eliten und Bevölkerung und Entscheidungen einzelner Personen. Historiker gewichten diese Ursachen unterschiedlich. Das Grundgesetz zog daraus die Lehre einer wehrhaften Demokratie.
Übungen
Grundlagen
- Nenne je eine Ursache für das Scheitern aus den Bereichen Verfassung, Wirtschaft und Gesellschaft.
- Erkläre den Unterschied zwischen Struktur und Ereignis an je einem Beispiel.
- Nenne drei Regeln des Grundgesetzes, die als Lehre aus Weimar gelten.
Weiter
- Vergleiche die Deutungen von Peukert und Winkler.
- Ordne zu: Inflation 1923, Ermächtigungsgesetz, Art. 48, Dolchstoßlegende, Weltwirtschaftskrise. Struktur oder Ereignis?
Knobeln
- Erörtere die These: „Die Weimarer Republik war eine Demokratie ohne Demokraten.“ Nutze dein Wissen aus allen Lektionen.
- Beurteile, ob die Regeln des Grundgesetzes eine Demokratie dauerhaft schützen können. Lege deine Kriterien offen.
Lösungen
- Zum Beispiel: Verfassung: Art. 48 und 25. Wirtschaft: Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit. Gesellschaft: Ablehnung der Republik durch Beamte, Richter und Offiziere.
- Struktur: langfristige Bedingung, zum Beispiel die Machtfülle des Reichspräsidenten in der Verfassung. Ereignis: Handlung zu einem bestimmten Zeitpunkt, zum Beispiel die Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933.
- Zum Beispiel: konstruktives Misstrauensvotum (Art. 67), Parteiverbot durch das Bundesverfassungsgericht (Art. 21), Ewigkeitsklausel (Art. 79 Abs. 3), kein Notverordnungsrecht des Bundespräsidenten, Fünfprozenthürde.
- Peukert betont gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, also die Krise der modernen Industriegesellschaft. Winkler betont die Entscheidungen von Hindenburg und konservativen Eliten und zeigt, dass das Ende nicht zwangsläufig war. Beide sehen mehrere Ursachen, gewichten aber anders.
- Struktur: Art. 48, Dolchstoßlegende (als langfristig wirkende Deutung), Weltwirtschaftskrise (als langfristige Lage). Ereignis: Inflation 1923 (zeitlich begrenzte Krise), Ermächtigungsgesetz. Abweichende Zuordnungen sind mit Begründung möglich.
- Erwartungshorizont: Für die These sprechen die Ablehnung der Republik durch Teile der Eliten, die Mehrheit republikfeindlicher Parteien ab 1932 und die Dolchstoßlegende. Gegen die These sprechen die vielen überzeugten Demokratinnen und Demokraten in SPD, Zentrum und DDP, die Gewerkschaften, der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch und die Rede von Otto Wels. Ein differenziertes Urteil schließt ab.
- Erwartungshorizont: Kriterien zum Beispiel Wirksamkeit, Grenzen, Rolle der Bürgerinnen und Bürger. Die Regeln erschweren eine legale Abschaffung der Demokratie und stärken Parlament und Grundrechte. Sie wirken aber nur, wenn Gerichte, Parteien und Bürger sie anwenden und die Demokratie im Alltag unterstützen.