Darum geht es
Kino, Jazz, Radio, kurze Haare und Frauen, die studieren, wählen und im Büro arbeiten: Die Jahre zwischen 1924 und 1929 werden oft „Goldene Zwanziger“ genannt. Die Weimarer Republik war nicht nur eine Zeit der Krisen. Sie brachte Freiheiten, soziale Rechte und eine Kultur, die bis heute weltweit bewundert wird. Wie golden waren diese Jahre wirklich?
Erklärung
Stabilisierung nach 1923
Nach der Inflation beruhigte sich die Lage:
- Die Rentenmark (1923) und die Reichsmark (1924) machten das Geld wieder stabil.
- Der Dawes-Plan (1924) regelte die Reparationen neu: Deutschland zahlte in Raten, die zur Wirtschaftskraft passten, und bekam Kredite, vor allem aus den USA.
- Außenminister Gustav Stresemann setzte auf Verständigung. Im Vertrag von Locarno (1925) erkannte Deutschland seine Westgrenze zu Frankreich und Belgien an. 1926 wurde Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Stresemann und der französische Außenminister Aristide Briand erhielten den Friedensnobelpreis.
Partizipation: Mitwirkung in der Demokratie
- Alle Männer und Frauen ab 20 durften wählen. Die Wahlbeteiligung lag bei Reichstagswahlen meist zwischen 75 und 85 Prozent.
- Parteien, Gewerkschaften, Vereine und eine freie Presse prägten das öffentliche Leben.
- Die Verfassung erlaubte Volksbegehren und Volksentscheide.
Emanzipation: neue Rollen für Frauen
Frauen hatten das Wahlrecht und saßen im Reichstag. Artikel 109 der Verfassung erklärte Männer und Frauen „grundsätzlich“ für gleichberechtigt. Junge Frauen arbeiteten zunehmend als Angestellte, Verkäuferinnen oder Sekretärinnen in den Städten. Das Bild der „Neuen Frau“ mit Kurzhaarschnitt, eigenem Einkommen und Freizeit wurde in Zeitschriften und Filmen verbreitet. Im Alltag blieb vieles ungleich: Frauen verdienten weniger, verheiratete Beamtinnen konnten entlassen werden, und das Familienrecht gab dem Ehemann das letzte Wort.
Modernisierung: Sozialstaat und Kultur
- Sozialstaat: Der Achtstundentag wurde 1918 eingeführt (später wieder aufgeweicht), es gab Tarifverträge und Betriebsräte. 1927 kam die Arbeitslosenversicherung. Städte bauten moderne Wohnsiedlungen mit Licht, Luft und Bad.
- Medien: 1923 begann der Rundfunk in Deutschland. Kinos und Illustrierte erreichten ein Massenpublikum.
- Kunst und Architektur: Das Bauhaus, 1919 in Weimar gegründet und 1925 nach Dessau umgezogen, entwickelte eine schlichte, funktionale Gestaltung. Filme wie „Metropolis“ (1927) und Theaterstücke wie Brechts „Dreigroschenoper“ (1928) wurden berühmt.
Die Schattenseiten
Die Stabilität war brüchig. Die Wirtschaft hing an kurzfristigen Krediten aus den USA. Die Landwirtschaft steckte in einer Krise, die Arbeitslosigkeit sank nie unter mehrere hunderttausend. Für viele Konservative waren Großstadt, Jazz und „Neue Frau“ Zeichen eines Verfalls. Und die Regierungen wechselten häufig: Zwischen 1919 und 1933 gab es 20 Kabinette.
Beispiele
Beispiel 1: „Goldene Zwanziger“ als Darstellung prüfen
Der Begriff „Goldene Zwanziger“ wurde vor allem im Rückblick geprägt, als man die Jahre mit der Krise ab 1929 und der NS-Zeit verglich. Er beschreibt das Leben in Berlin und anderen Großstädten besser als das auf dem Land. Er ist also eine Deutung, die nur für einen Teil der Menschen passt.
Beispiel 2: Chancen und Belastungen gegenüberstellen
| Bereich | Chance | Belastung |
|---|---|---|
| Politik | Wahlrecht für alle ab 20, Verständigung mit Frankreich | häufige Regierungswechsel, Gegner der Republik im Reichstag |
| Wirtschaft | stabile Währung, Wachstum ab 1924 | Abhängigkeit von US-Krediten, Agrarkrise |
| Gesellschaft | Frauenwahlrecht, Arbeitslosenversicherung | Ungleichheit bleibt, Mittelstand verarmt seit 1923 |
| Kultur | Bauhaus, Film, Rundfunk | Ablehnung der Moderne durch Teile der Bevölkerung |
Merksatz
Zwischen 1924 und 1929 stabilisierte sich die Republik. Sie brachte Partizipation durch Wahlen und Presse, Emanzipation durch Frauenwahlrecht und neue Rollen und Modernisierung durch Sozialstaat, Medien und Kultur. Die Stabilität hing aber an ausländischen Krediten und wurde von vielen nicht geteilt.
Übungen
Grundlagen
- Nenne drei außenpolitische Erfolge Stresemanns.
- Nenne je ein Beispiel für Partizipation, Emanzipation und Modernisierung in der Weimarer Republik.
- Beschreibe, was mit der „Neuen Frau“ gemeint war.
Weiter
- Erkläre, warum die wirtschaftliche Stabilität nach 1924 brüchig war.
- Erläutere, warum „Goldene Zwanziger“ ein Begriff aus einer bestimmten Perspektive ist.
Knobeln
- Beurteile: Waren die Jahre 1924 bis 1929 eine Zeit der Chancen oder nur eine Atempause zwischen zwei Krisen? Lege deine Kriterien offen.
- Vergleiche die rechtliche Stellung von Frauen 1919 mit ihrer Stellung heute. Nutze Artikel 109 der Weimarer Verfassung und Artikel 3 des Grundgesetzes.
Lösungen
- Zum Beispiel: Dawes-Plan (1924), Vertrag von Locarno (1925), Aufnahme in den Völkerbund (1926), Friedensnobelpreis.
- Partizipation: allgemeines Wahlrecht ab 20, freie Presse. Emanzipation: Frauenwahlrecht, Frauen im Reichstag, neue Berufe für Frauen. Modernisierung: Arbeitslosenversicherung 1927, Rundfunk, Bauhaus.
- Gemeint ist ein neues, vor allem in Großstädten verbreitetes Bild junger Frauen mit eigenem Beruf und Einkommen, modischem Kurzhaarschnitt, Freizeit und Selbstbewusstsein. Es war in Medien stärker verbreitet als im Alltag der meisten Frauen.
- Das Wachstum beruhte auf kurzfristigen Krediten aus den USA, die schnell zurückgefordert werden konnten. Die Landwirtschaft war in der Krise, die Arbeitslosigkeit blieb hoch, und der Mittelstand hatte seine Ersparnisse 1923 verloren.
- Der Begriff entstand vor allem im Rückblick und betont das Großstadtleben und die Kultur. Für Landbevölkerung, Arbeitslose und verarmte Mittelschichten waren die Jahre nicht golden.
- Erwartungshorizont: Kriterien zum Beispiel wirtschaftliche Lage, politische Stabilität, Freiheiten. Für Chancen: stabile Währung, Außenpolitik, Sozialstaat, Kultur. Für Atempause: Kreditabhängigkeit, häufige Regierungswechsel, Gegner der Republik blieben stark. Ein eigenes, begründetes Urteil schließt ab.
- Erwartungshorizont: 1919 hatten Frauen „grundsätzlich“ dieselben staatsbürgerlichen Rechte, also vor allem Wahlrecht. Im Familien- und Arbeitsrecht blieben sie benachteiligt. Heute gilt nach Art. 3 Abs. 2 GG: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, und der Staat soll die tatsächliche Gleichberechtigung fördern. Ungleichheiten gibt es trotzdem noch, etwa beim Lohn.