Darum geht es
Stell dir vor, deine Familie hat jahrelang gespart, und plötzlich reicht das ganze Sparbuch nicht einmal mehr für ein Brot. Genau das erlebten viele Menschen in Deutschland im Jahr 1923. Die junge Republik musste in ihren ersten Jahren mehrere schwere Lasten zugleich tragen: einen harten Friedensvertrag, eine Legende über die Kriegsniederlage, Gewalt von links und rechts und eine Geldentwertung, wie es sie noch nie gegeben hatte.
Erklärung
Der Versailler Vertrag
Am 28. Juni 1919 unterzeichnete Deutschland den Friedensvertrag von Versailles. Er war mit den Siegermächten nicht verhandelt worden. Viele Deutsche nannten ihn deshalb ein „Diktat“. Wichtige Bestimmungen:
- Gebietsabtretungen: Elsass-Lothringen an Frankreich, große Teile von Posen und Westpreußen an Polen, weitere Gebiete an Belgien und Dänemark, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei. Das Memelland kam unter die Verwaltung der Siegermächte und wurde 1923 von Litauen besetzt und angegliedert. Alle Kolonien gingen verloren.
- Militär: ein Heer von höchstens 100 000 Mann, keine Luftwaffe, keine U-Boote, das Rheinland wurde entmilitarisiert und besetzt.
- Reparationen: Deutschland sollte Wiedergutmachung für die Kriegsschäden zahlen. 1921 wurde die Summe auf 132 Milliarden Goldmark festgelegt.
Besonders umstritten war Artikel 231:
Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.
Quelle: Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919, Artikel 231, Reichsgesetzblatt 1919, S. 687 ff. Wortlaut nach der amtlichen deutschen Fassung, wie sie German History in Documents and Images (GHDI) wiedergibt.
Der Artikel sollte vor allem die rechtliche Grundlage für die Reparationen schaffen. In Deutschland wurde er als „Kriegsschuldartikel“ verstanden und als ungerecht empfunden. Die Parteien, die den Vertrag unterzeichnen mussten, wurden dafür angefeindet.
Die Dolchstoßlegende
Nach dem Krieg verbreiteten Hindenburg, Ludendorff und rechte Parteien die Behauptung, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ gewesen. Die Revolution in der Heimat habe ihm „von hinten“ den Dolch in den Rücken gestoßen. Diese Dolchstoßlegende ist falsch: Die militärische Führung hatte im September 1918 selbst einen Waffenstillstand gefordert, weil die Front nicht mehr zu halten war. Die Legende machte aber Demokraten, Sozialdemokraten und Juden zu Sündenböcken und vergiftete das politische Klima.
Gewalt gegen die Republik
- Im März 1920 versuchten rechte Militärs im Kapp-Putsch, die Regierung zu stürzen. Ein Generalstreik der Arbeiter brachte den Putsch zum Scheitern. Die Reichswehr hatte sich geweigert, die Regierung zu schützen.
- Rechtsextreme Geheimbünde ermordeten Politiker, unter anderem Matthias Erzberger (1921), der den Waffenstillstand unterzeichnet hatte, und Außenminister Walther Rathenau (1922).
- Auch von links gab es Aufstände, zum Beispiel im Ruhrgebiet 1920 und in Mitteldeutschland 1921.
- Im November 1923 scheiterte in München ein Putschversuch der NSDAP unter Adolf Hitler.
Die Inflation von 1923
Inflation bedeutet, dass Geld an Wert verliert und die Preise steigen. Deutschland hatte den Krieg vor allem mit Schulden und neu gedrucktem Geld bezahlt. Nach dem Krieg ging das weiter. Als Deutschland mit den Reparationen in Rückstand geriet, besetzten Frankreich und Belgien im Januar 1923 das Ruhrgebiet. Die Regierung rief zum passiven Widerstand auf und bezahlte die Streikenden mit frisch gedrucktem Geld. Daraus wurde eine Hyperinflation.
Beispiele
Beispiel 1: Eine Banknote als Quelle

Der Wert des Dollars zeigt, wie schnell das Geld verfiel:
| Zeitpunkt | Preis für 1 US-Dollar |
|---|---|
| Juli 1914 | 4,20 Mark |
| Januar 1923 | rund 18 000 Mark |
| 20. November 1923 | 4,2 Billionen Mark |
Rechnung: 500 Milliarden Mark sind 0,5 Billionen Mark. 0,5 : 4,2 ≈ 0,12. Am 20. November 1923 war die Banknote also nur noch etwa 12 US-Cent wert, obwohl sie erst drei Wochen alt war.
Beispiel 2: Gewinner und Verlierer der Inflation
| Verlierer | Gewinner |
|---|---|
| Sparerinnen und Sparer, deren Guthaben wertlos wurden | Schuldner, auch der Staat, deren Schulden wertlos wurden |
| Rentner und Menschen mit festen Einkommen | Besitzer von Sachwerten wie Häusern, Land, Fabriken |
| große Teile des Mittelstands | Spekulanten mit ausländischem Geld |
Im November 1923 wurde die Rentenmark eingeführt: 1 Rentenmark für 1 Billion Papiermark. Die Währung wurde stabil. Das Vertrauen vieler Bürger in den Staat aber war erschüttert.
Merksatz
Die Weimarer Republik startete mit schweren Belastungen: dem als ungerecht empfundenen Versailler Vertrag, der falschen Dolchstoßlegende, Putschversuchen und politischen Morden sowie der Hyperinflation von 1923, die viele Ersparnisse vernichtete.
Übungen
Grundlagen
- Nenne je eine Bestimmung des Versailler Vertrags zu Gebieten, Militär und Reparationen.
- Gib Artikel 231 in eigenen Worten wieder.
- Beschreibe die Banknote von 1923.
Weiter
- Erkläre, warum die Dolchstoßlegende falsch war und warum sie trotzdem wirkte.
- Erkläre die Ursachen der Hyperinflation von 1923 als Kette von Ursache und Folge.
- Erläutere, warum gerade der Mittelstand durch die Inflation das Vertrauen in die Republik verlor.
Knobeln
- Beurteile aus zwei Perspektiven, ob der Versailler Vertrag gerecht war: aus Sicht der französischen Regierung und aus Sicht der deutschen Regierung 1919.
- Überprüfe die Behauptung: „Die Inflation hat allen Deutschen gleichermaßen geschadet.“
Lösungen
- Gebiete: zum Beispiel Elsass-Lothringen an Frankreich. Militär: höchstens 100 000 Mann, keine Luftwaffe. Reparationen: 1921 festgelegt auf 132 Milliarden Goldmark.
- Die Siegermächte erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten für alle Schäden verantwortlich sind, die den Siegern durch den Krieg entstanden sind, weil Deutschland und seine Verbündeten sie angegriffen haben.
- Eine Reichsbanknote über fünfhundert Milliarden Mark, ausgestellt in Berlin am 26. Oktober 1923 vom Reichsbankdirektorium, mit Unterschriften, Stempeln und der großen Zahl 500. Sie ist schlicht gestaltet, wohl weil sie schnell gedruckt werden musste.
- Die militärische Führung selbst hatte im September 1918 den Waffenstillstand verlangt, weil die Niederlage feststand. Die Legende wirkte, weil sie den Stolz auf das Heer schonte, die Schuld auf andere schob und von angesehenen Männern wie Hindenburg verbreitet wurde.
- Kriegsfinanzierung mit Schulden und Geld aus der Notenpresse → nach dem Krieg Reparationen und hohe Staatsausgaben → Rückstand bei den Reparationen → Ruhrbesetzung 1923 → passiver Widerstand, bezahlt mit gedrucktem Geld → immer mehr Geld für immer weniger Waren → Hyperinflation.
- Der Mittelstand hatte oft Ersparnisse, Lebensversicherungen oder Staatsanleihen. Diese wurden wertlos. Viele fühlten sich vom Staat betrogen und sahen in der Republik die Ursache ihres Abstiegs.
- Erwartungshorizont: Aus französischer Sicht war der Vertrag gerecht oder sogar zu milde, weil Nordfrankreich verwüstet war und Sicherheit vor Deutschland nötig schien. Aus deutscher Sicht galt er als ungerecht, weil er nicht verhandelt war und Deutschland allein verantwortlich machte. Ein eigenes Urteil mit Kriterien wie Sicherheit, Verhältnismäßigkeit und Verhandlung schließt ab.
- Die Behauptung stimmt nicht. Sparer, Rentner und Menschen mit festem Einkommen verloren viel. Schuldner, darunter der Staat, und Besitzer von Sachwerten wie Häusern oder Fabriken konnten profitieren.