Darum geht es
Am 9. November 1918 wurde Deutschland an einem einzigen Nachmittag gleich zweimal zur Republik ausgerufen: von Philipp Scheidemann (SPD) vom Balkon des Reichstags und zwei Stunden später von Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss. Was Scheidemann genau gesagt hat, ist bis heute ein Lehrstück für Quellenkritik. Denn von seiner Rede gibt es mehrere Fassungen, und sie widersprechen sich.
Erklärung
Vom Kaiserreich zur Republik
Im Herbst 1918 war der Erste Weltkrieg für Deutschland verloren. Die Oberste Heeresleitung um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff verlangte Ende September selbst einen Waffenstillstand. Im Oktober wurde die Verfassung geändert: Der Reichskanzler brauchte nun das Vertrauen des Reichstags. Doch die Ereignisse überholten diese Reform:
- Anfang November meuterten Matrosen in Kiel, weil sie zu einer letzten, aussichtslosen Seeschlacht auslaufen sollten.
- In vielen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte.
- Am 9. November erreichte die Revolution Berlin. Reichskanzler Max von Baden gab die Abdankung des Kaisers eigenmächtig bekannt, bevor der Kaiser zugestimmt hatte (förmlich dankte Wilhelm II. erst am 28. November 1918 ab), und übertrug sein Amt an Friedrich Ebert (SPD). Wilhelm II. ging ins Exil in die Niederlande.
- Am 11. November unterzeichnete eine deutsche Delegation unter Matthias Erzberger den Waffenstillstand.
Zwei Wege: Parlament oder Räte
Die Arbeiterbewegung war gespalten. Die Mehrheitssozialdemokraten (SPD) um Ebert und Scheidemann wollten eine parlamentarische Demokratie, über die eine gewählte Nationalversammlung entscheiden sollte. Linke Gruppen um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (Spartakusbund, ab Jahreswechsel KPD) forderten eine Räterepublik nach dem Vorbild Russlands. Im Dezember 1918 stimmte der Reichsrätekongress mit großer Mehrheit für Wahlen zur Nationalversammlung. Im Januar 1919 schlugen Regierungstruppen und rechte Freikorps einen Aufstand in Berlin nieder. Liebknecht und Luxemburg wurden von Freikorpsoffizieren ermordet.
Am 19. Januar 1919 wählten Männer und Frauen ab 20 Jahren die Nationalversammlung. Frauen durften zum ersten Mal in ganz Deutschland wählen. Weil Berlin unruhig war, tagte die Versammlung in Weimar. Daher hat die Republik ihren Namen.
Beispiele
Beispiel 1: Zwei Fassungen derselben Rede
Fassung A erschien noch am Abend des 9. November 1918 in einer Berliner Tageszeitung:
Wir haben auf der ganzen Linie gesiegt, das Alte ist nicht mehr. Ebert ist zum Reichskanzler ernannt, dem Kriegsminister ist der Abgeordnete Leutnant Göhre beigeordnet. Es gilt nunmehr, den errungenen Sieg zu festigen, daran kann uns nichts mehr hindern. Die Hohenzollern haben abgedankt. Sorgt dafür, daß dieser stolze Tag durch nichts beschmutzt werde. Er sei ein Ehrentag für immer in der Geschichte Deutschlands. Es lebe die deutsche Republik.
Quelle: Vossische Zeitung, Nr. 575, Abendausgabe vom 9. November 1918, S. 1, zitiert nach dem Wikipedia-Artikel „Ausrufung der Republik in Deutschland“.
Fassung B sprach Scheidemann am 9. Januar 1920 auf eine Schallplatte und druckte sie 1928 in seinen Erinnerungen ab. Ein Auszug:
Die Feinde des werktätigen Volkes, die wirklichen inneren Feinde, die Deutschlands Zusammenbruch verschuldet haben, sind still und unsichtbar geworden. Das waren die Daheimkrieger, die ihre Eroberungsforderungen bis zum gestrigen Tage ebenso aufrechterhielten, wie sie den verbissensten Kampf gegen jede Reform der Verfassung und besonders des schändlichen preußischen Wahlsystems geführt haben. […]
Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue; es lebe die deutsche Republik!
Quelle: Philipp Scheidemann: Memoiren eines Sozialdemokraten, Bd. 2, Dresden 1928, S. 311 f., zitiert nach dem Wikipedia-Artikel „Ausrufung der Republik in Deutschland“.
Auswertung mit den Fragen der Quellenkritik:
| Frage | Fassung A | Fassung B |
|---|---|---|
| Wann entstanden? | am selben Tag | über ein Jahr später, gedruckt 1928 |
| Wer hat formuliert? | ein Zeitungsbericht | Scheidemann selbst im Rückblick |
| Was fällt auf? | kurz, Regierungsbildung, Ordnung | lange Schuldzuweisung an „Daheimkrieger“ |
Der Historiker Manfred Jessen-Klingenberg verglich 1968 die Fassungen. Er kam zu dem Ergebnis, dass die zeitnahen Berichte zuverlässiger sind. Scheidemann habe seine Rede später umgeschrieben. Er wollte damit, so die Deutung, auf die Behauptung reagieren, die Revolution habe dem Heer „den Dolch in den Rücken gestoßen“: Fassung B gibt die Schuld an der Niederlage den Kriegsbefürwortern im eigenen Land.
Beispiel 2: Die zweite Ausrufung
Am Nachmittag rief Karl Liebknecht vor dem Schloss die „freie sozialistische Republik Deutschland“ aus. Die beiden Ausrufungen zeigen die zwei Wege von 1918: parlamentarische Demokratie oder Räterepublik.
Merksatz
Im November 1918 endete das Kaiserreich in einer Revolution. Die SPD setzte gegen die radikale Linke eine Nationalversammlung durch, die im Januar 1919 erstmals auch von Frauen gewählt wurde. Von Scheidemanns Rede gibt es mehrere Fassungen. Zeitnahe Quellen sind meist zuverlässiger als spätere Erinnerungen.
Übungen
Grundlagen
- Nenne die wichtigsten Ereignisse zwischen Ende September und dem 11. November 1918 in der richtigen Reihenfolge.
- Beschreibe die zwei Wege, über die 1918 gestritten wurde.
- Gib Fassung A der Scheidemann-Rede in drei Sätzen wieder.
Weiter
- Vergleiche Fassung A und B nach Entstehungszeit, Verfasser und Inhalt.
- Erkläre, warum ein Politiker eine eigene Rede später verändert wiedergeben könnte.
Knobeln
- Beurteile, welche Fassung du in einem Schulbuch abdrucken würdest. Begründe mit Kriterien der Quellenkritik.
- Erläutere, warum gerade die Frage, wer am Kriegsende schuld war, für die junge Republik so gefährlich war.
Lösungen
- Ende September: Die Oberste Heeresleitung verlangt einen Waffenstillstand. Oktober: Verfassungsreform. Anfang November: Matrosenaufstand in Kiel, Räte in vielen Städten. 9. November: Abdankung des Kaisers wird bekannt, Ebert wird Reichskanzler, Ausrufung der Republik. 11. November: Waffenstillstand.
- Die SPD wollte eine parlamentarische Demokratie mit einer gewählten Nationalversammlung. Die radikale Linke wollte eine Räterepublik nach russischem Vorbild.
- Scheidemann erklärt, das Volk habe gesiegt und das Alte sei vorbei. Er nennt Ebert als Reichskanzler und die Abdankung der Hohenzollern. Er ruft zur Ordnung auf und lässt die Republik hochleben.
- A entstand am selben Tag als Zeitungsbericht, ist kurz und betont Regierungsbildung und Ordnung. B formulierte Scheidemann selbst über ein Jahr später. Sie ist länger und gibt den Kriegsbefürwortern im eigenen Land die Schuld an der Niederlage. Nur der Ruf auf die Republik ist beiden gemeinsam.
- Zum Beispiel: um sich im Nachhinein besser darzustellen, um auf spätere Vorwürfe zu antworten, um eine politische Deutung durchzusetzen. Auch das Gedächtnis kann sich täuschen.
- Erwartungshorizont: Fassung A ist zeitnäher und weniger von späteren Interessen geprägt. Sie ist deshalb zuverlässiger für die Frage, was gesagt wurde. Fassung B ist eine wertvolle Quelle dafür, wie Scheidemann 1920 an den Tag erinnern wollte. Ein gutes Schulbuch druckt beide und erklärt den Unterschied.
- Erwartungshorizont: Die Republik übernahm die Verantwortung für die Niederlage und den Friedensvertrag, obwohl die militärische Führung den Waffenstillstand verlangt hatte. Gegner der Republik nutzten die Schuldfrage, um die Demokraten als Verräter darzustellen. Das schwächte das Vertrauen in die Republik von Beginn an.