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Aus der Vorlage Leben im Mittelalter: Stände, Lehnswesen, Kloster und Stadt

Ständegesellschaft im Mittelalter: beten, kämpfen, arbeiten

Lektion 2 von 6

Darum geht es

Heute kannst du dir aussuchen, welchen Beruf du lernen willst, und du hast vor dem Gesetz dieselben Rechte wie alle anderen. Im Mittelalter war das anders. Ob jemand Bauer, Ritter oder Abt wurde, hing vor allem davon ab, in welche Familie er geboren wurde. Wie sich die Menschen ihre Gesellschaft vorstellten, zeigt ein Gedicht, das ein Bischof vor rund 1000 Jahren schrieb.

Erklärung

Was ist ein Stand?

Ein Stand ist eine Gruppe von Menschen mit gleichen Rechten, Pflichten und gleichem Ansehen. Man wurde in seinen Stand hineingeboren und blieb meist ein Leben lang darin. Die mittelalterliche Gesellschaft heißt deshalb Ständegesellschaft.

Die bekannteste mittelalterliche Erklärung dafür ist die Lehre von den drei Ständen:

  • Geistliche (Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen) beten für das Seelenheil aller.
  • Adlige (König, Herzöge, Grafen, Ritter) kämpfen und schützen.
  • Bauern arbeiten und ernähren alle anderen.

Diese Ordnung galt vielen Menschen als von Gott gewollt. Wer sie in Frage stellte, stellte damit auch Gottes Ordnung in Frage.

Eine Quelle: Adalbero von Laon

Adalbero war Bischof der Stadt Laon im Norden Frankreichs. Um 1025 bis 1030 schrieb er ein langes Gedicht in lateinischer Sprache an den französischen König Robert II. Darin steht diese berühmte Stelle:

Triplex ergo Dei domus est, quae creditur una:
Nunc orant, alii pugnant, aliique laborant.
Quae tria sunt simul et scissuram non patiuntur.

Übersetzung:

Das Haus Gottes, das man für eines hält, ist also dreigeteilt:
Die einen beten, andere kämpfen, wieder andere arbeiten.
Die drei gehören zusammen und dulden keine Spaltung.

Wenige Verse vorher schreibt Adalbero über die unfreien Bauern, die er „Knechte“ nennt:

Pascitur a seruo dominus quem pascere sperat.
Seruorum lacrimae, gemitus non terminus ullus.

Übersetzung:

Der Herr wird vom Knecht ernährt, den er zu ernähren meint.
Für die Tränen und das Seufzen der Knechte gibt es kein Ende.

Quelle: Adalbero von Laon, Gedicht an König Robert (Carmen ad Rotbertum regem), um 1025 bis 1030. Lateinischer Text nach Wikisource (la.wikisource.org), Übersetzung: Seven Assistant Redaktion.

Ein Modell aus heutiger Zeit

In Schulbüchern siehst du die Ständeordnung oft als Pyramide. Diese Pyramide ist keine Quelle, sondern eine Darstellung von heute. Sie zeigt gut, dass die Bauern die große Mehrheit waren, etwa neun von zehn Menschen, aber am wenigsten Rechte hatten. Sie vereinfacht aber auch: Bürgerinnen und Bürger in den Städten, Juden, fahrende Händler, Spielleute oder Bettler passen nicht hinein.

Pyramide mit dem König oben, Geistlichen und Adel in der Mitte und den Bauern breit unten, dazu ein Hinweis auf Gruppen, die im Modell fehlen.
Die Ständepyramide ist ein heutiges Modell. Sie zeigt Rangfolge und Größe der Stände, aber nicht alle Menschen des Mittelalters.Eigene Darstellung

Unterschiede innerhalb der Stände

Auch innerhalb eines Standes gab es große Unterschiede. Ein Erzbischof lebte wie ein Fürst, ein einfacher Dorfpfarrer oft ärmlich. Ein Herzog besaß viele Burgen, ein einfacher Ritter vielleicht nur einen Hof. Unter den Bauern gab es freie Bauern und unfreie Bauern, die an ihren Grundherrn gebunden waren. Frauen waren in allen Ständen rechtlich schlechter gestellt als Männer.

Ein Aufstieg war selten, aber möglich: Ein begabter Bauernsohn konnte zum Beispiel Mönch werden und es in der Kirche weit bringen. Mönche und Nonnen lebten ehelos. Für alle Priester setzte die Kirche die Ehelosigkeit erst mit den Kirchenreformen des 11. und 12. Jahrhunderts durch (Zweites Laterankonzil 1139). Deshalb wurde der geistliche Stand immer wieder aus den anderen Ständen aufgefüllt.

Beispiele

Beispiel 1: Die Quelle befragen

  • Wer? Adalbero, ein Bischof, also ein Mann aus dem ersten Stand.
  • Wann und wo? Um 1025 bis 1030 in Nordfrankreich.
  • Für wen? Für den König.
  • Was? Die Gesellschaft besteht aus Betenden, Kämpfenden und Arbeitenden, die zusammengehören.
  • Wozu? Adalbero will den König an eine Ordnung erinnern, in der jeder seinen festen Platz hat. Er schreibt aus der Sicht der Oberschicht.

Beispiel 2: Zwei Perspektiven

Aus Sicht eines Bischofs war die Ordnung gerecht, weil jeder Stand eine Aufgabe für alle erfüllt. Aus Sicht eines unfreien Bauern sah das anders aus. Er arbeitete für seinen Herrn, zahlte Abgaben und durfte seinen Hof nicht einfach verlassen. Bemerkenswert ist, dass Adalbero selbst die „Tränen“ der Knechte erwähnt. Er sieht also, dass die Last ungleich verteilt ist, stellt die Ordnung aber nicht in Frage.

Merksatz

In der Ständegesellschaft des Mittelalters bestimmte die Geburt über Rechte und Pflichten. Nach der Lehre von den drei Ständen beten die Geistlichen, kämpfen die Adligen und arbeiten die Bauern. Diese Lehre stammt von Geistlichen und zeigt die Gesellschaft aus der Sicht der Oberschicht.

Übungen

Grundlagen

  1. Nenne die drei Stände und ihre Aufgaben nach Adalbero.
  2. Erkläre den Begriff „Stand“ mit eigenen Worten.
  3. Ordne zu: Äbtissin, Graf, Ritter, Hörige, Pfarrer, freier Bauer.

Weiter

  1. Beschreibe die Ständepyramide und nenne zwei Gruppen, die darin fehlen.
  2. Erkläre, warum Adalbero die drei Stände als „Haus Gottes“ bezeichnet.

Knobeln

  1. Schreibe einen kurzen Brief aus der Sicht einer unfreien Bäuerin an Bischof Adalbero. Gehe auf seine Verse über die Knechte ein.
  2. „Im Mittelalter war jeder mit seinem Platz zufrieden.“ Beurteile diese Aussage mithilfe der Quelle.

Lösungen

  1. Geistliche beten, Adlige kämpfen (und schützen), Bauern arbeiten (und ernähren alle).
  2. Ein Stand ist eine Gruppe mit gleichen Rechten, Pflichten und gleichem Ansehen. Man wird hineingeboren und bleibt meist darin.
  3. Äbtissin und Pfarrer: Geistliche. Graf und Ritter: Adel. Hörige und freier Bauer: Bauern.
  4. Oben steht der König, darunter Geistliche und Adel, unten breit die Bauern. Die Breite zeigt, wie viele Menschen zu einem Stand gehörten. Es fehlen zum Beispiel Bürger in den Städten und Juden (auch möglich: Spielleute, Bettler, fahrende Händler).
  5. Er will zeigen, dass die Ordnung von Gott stammt und dass die Stände wie Teile eines Hauses zusammengehören. Wer die Ordnung angreift, greift also Gottes Willen an.
  6. Erwartungshorizont: Der Brief nimmt Bezug auf die Verse (der Herr wird vom Knecht ernährt, Tränen ohne Ende), schildert Arbeit, Abgaben und fehlende Freiheit aus Sicht der Bäuerin und bleibt in der Zeit, zum Beispiel mit Bitte um Milde statt Forderung nach Abschaffung der Stände.
  7. Erwartungshorizont: Die Aussage ist zu pauschal. Adalbero schreibt aus Sicht der Geistlichen und will die Ordnung bestätigen. Selbst er erwähnt aber Tränen und Seufzen der Knechte. Ob die Bauern zufrieden waren, sagt die Quelle nicht, weil sie selbst nicht zu Wort kommen. Ein Urteil braucht deshalb weitere Quellen.

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