Darum geht es
Viele Städte in Niedersachsen haben noch heute eine Altstadt mit Marktplatz, Rathaus, Kirchen und Resten einer Stadtmauer, zum Beispiel Braunschweig, Lüneburg, Goslar oder Hildesheim. Diese Städte sind im Mittelalter entstanden oder gewachsen. Wer damals in einer Stadt lebte, lebte anders als die Menschen auf dem Land. Was machte die Stadt so besonders?
Erklärung
Städte entstehen und wachsen
Um das Jahr 1000 lebten fast alle Menschen auf dem Land. Ab dem 11. und 12. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung, der Handel nahm zu, und es entstanden viele neue Städte. Manche wuchsen an alten Römerorten, an Bischofssitzen, Burgen oder Klöstern. Andere wurden von einem Fürsten planmäßig gegründet, weil Städte ihm Steuern und Zölle brachten. Die meisten Städte waren klein, oft mit weniger als 2000 Menschen. Köln war mit rund 40 000 Einwohnern eine der größten Städte im Reich.
Das Stadtrecht
Eine Stadt war nicht einfach ein großes Dorf. Sie hatte vom Stadtherrn, also einem König, Fürsten oder Bischof, besondere Rechte bekommen, das Stadtrecht. Dazu gehörten oft:
- das Marktrecht: regelmäßig Markt abhalten,
- das Recht, eine Mauer zu bauen,
- ein eigenes Gericht,
- mit der Zeit die Selbstverwaltung durch einen Rat mit Bürgermeistern.
Wer lebte in der Stadt?
Nicht alle Einwohner waren gleich. Volle Rechte hatten nur die Bürger, meist Männer mit Haus- oder Grundbesitz, die den Bürgereid geleistet hatten. Ganz oben standen reiche Kaufmannsfamilien, die Patrizier. Sie besetzten lange Zeit den Rat. Darunter kamen die Handwerksmeister. Viele Menschen hatten kein Bürgerrecht: Gesellen, Mägde und Knechte, Tagelöhner, Arme und Bettler.
Handwerker desselben Berufs schlossen sich zu Zünften zusammen, Kaufleute zu Gilden. Die Zunft regelte Preise, Qualität und Ausbildung, legte fest, wie viele Meister es geben durfte, und half Witwen und Kranken. Im Spätmittelalter kämpften die Zünfte vielerorts um Plätze im Rat.
„Stadtluft macht frei“
Viele unfreie Bauern flohen in die Städte. Wenn ein Unfreier ein Jahr und einen Tag in der Stadt gelebt hatte, ohne dass sein Herr ihn zurückforderte, galt er dort vielerorts als frei. Der bekannte Satz „Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“ fasst diese Regel zusammen. Er ist aber keine Quelle aus dem Mittelalter, sondern eine Formulierung von Rechtsgelehrten des 19. Jahrhunderts. Außerdem galt die Regel nicht überall gleich.
Jüdisches Leben in den Städten
In vielen Städten lebten auch jüdische Gemeinden, besonders früh und bedeutend in Speyer, Worms und Mainz. Ihre Bauwerke gehören heute zum UNESCO-Welterbe. Jüdinnen und Juden handelten, waren Ärzte oder Gelehrte. Sie standen unter dem Schutz des Königs oder Stadtherrn und mussten dafür hohe Abgaben zahlen. Viele Berufe waren ihnen verboten, Zünfte nahmen sie nicht auf. Immer wieder wurden sie verfolgt: 1096 ermordeten Kreuzfahrer Juden in Städten am Rhein. Während der Pest 1348 bis 1350 wurden Juden fälschlich beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. In vielen Städten wurden jüdische Gemeinden ausgelöscht.
Beispiele
Beispiel 1: Eine Stadtansicht als Bildquelle

- Wer, wann, wo? Der Holzschnitt erschien 1493 in der Weltchronik des Nürnberger Arztes Hartmann Schedel, einem der ersten großen gedruckten Bücher.
- Was? Die Stadt ist von einer Mauer mit Toren umgeben. Zu sehen sind dicht gedrängte Häuser, viele Kirchtürme und ein Fluss mit Holzflößen.
- Deutung: Mauer und Türme zeigen Schutz, Reichtum und Selbstbewusstsein der Stadt. Die Ansicht ist nicht wie ein Foto. Der Zeichner hat Wichtiges groß gemacht und anderes weggelassen. Enge Gassen, Schmutz und Armut sieht man nicht.
Beispiel 2: Stadt und Land vergleichen
| Merkmal | Dorf | Stadt |
|---|---|---|
| Arbeit | vor allem Landwirtschaft | Handwerk und Handel |
| Rechte | meist abhängig vom Grundherrn | Bürger mit Stadtrecht, eigenes Gericht |
| Schutz | durch den Grundherrn | durch die Stadtmauer und die Bürger selbst |
| Gemeinschaft | Dorfgemeinschaft | Zünfte, Gilden, Pfarrgemeinden |
Merksatz
Seit dem 11. Jahrhundert entstanden viele Städte. Mit dem Stadtrecht bekamen sie Markt, Mauer, Gericht und Selbstverwaltung. Volle Rechte hatten nur die Bürger. Handwerker bildeten Zünfte. Jüdische Gemeinden prägten viele Städte mit, wurden aber ausgegrenzt und immer wieder verfolgt.
Übungen
Grundlagen
- Nenne vier Rechte, die zum Stadtrecht gehören konnten.
- Beschreibe die Stadtansicht von München mit Fachbegriffen.
- Erkläre den Unterschied zwischen einem Bürger und einem Einwohner ohne Bürgerrecht.
Weiter
- Erkläre, warum Fürsten Städte gründeten.
- Erkläre, welche Aufgaben eine Zunft hatte.
- Vergleiche das Leben einer jungen Magd auf dem Dorf mit dem einer Magd in der Stadt.
Knobeln
- Der Satz „Stadtluft macht frei“ steht in vielen Büchern. Erkläre, was an ihm stimmt und warum man vorsichtig sein muss.
- Recherchiere: Welche Stadt in deiner Nähe hat ein mittelalterliches Stadtrecht? Welche Spuren aus dem Mittelalter kann man dort noch sehen?
Lösungen
- Marktrecht, Recht auf eine Mauer, eigenes Gericht, Selbstverwaltung durch einen Rat (auch: Zölle, Münzrecht).
- Erwartungshorizont: Holzschnitt von 1493 aus der Schedelschen Weltchronik. Zu sehen ist eine von einer Stadtmauer mit Toren umgebene Stadt mit dichter Bebauung und vielen Kirchtürmen. Im Vordergrund fließt ein Fluss, auf dem Holzflöße liegen.
- Bürger hatten volle Rechte in der Stadt, hatten meist Besitz und den Bürgereid geleistet. Einwohner ohne Bürgerrecht, etwa Gesellen, Mägde oder Tagelöhner, lebten in der Stadt, durften aber nicht mitbestimmen.
- Städte brachten ihnen Einnahmen durch Steuern, Zölle und Marktgebühren. Außerdem stärkten sie ihre Herrschaft und den Handel im Land.
- Die Zunft regelte Preise, Qualität und Ausbildung, begrenzte die Zahl der Meister und half Mitgliedern in Not, etwa Witwen und Kranken.
- Erwartungshorizont: Beide arbeiten hart und sind abhängig. Die Magd auf dem Dorf arbeitet auf Hof und Feld und ist an den Grundherrn gebunden. Die Magd in der Stadt arbeitet im Haushalt einer Bürgerfamilie, ist persönlich vielleicht freier, hat aber kein Bürgerrecht und kaum Besitz.
- Die Regel gab es: Wer ein Jahr und einen Tag in der Stadt lebte, konnte frei werden. Der Satz selbst stammt aber aus dem 19. Jahrhundert, und die Regel galt nicht überall und nicht für alle. Er ist eine Darstellung, keine Quelle.
- Individuelle Lösung. Beispiele in Niedersachsen: Braunschweig, Lüneburg, Goslar, Hildesheim, Göttingen, Hannover, Osnabrück. Spuren sind etwa Rathäuser, Kirchen, Fachwerkhäuser, Mauerreste, Stadttore und Straßennamen.