Zum Inhalt springen

Aus der Vorlage Leben im Mittelalter: Stände, Lehnswesen, Kloster und Stadt

Leben im Kloster: Benediktsregel und ora et labora

Lektion 4 von 6

Darum geht es

Stell dir vor, du stehst jede Nacht gegen zwei Uhr auf, um zu beten, sprichst den Tag über kaum, besitzt nichts Eigenes und verlässt dein Zuhause nur selten. So lebten im Mittelalter tausende Mönche und Nonnen, und viele entschieden sich freiwillig dafür. Klöster waren aber nicht nur Orte des Gebets. Sie waren auch Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser und große Bauernhöfe.

Erklärung

Mönche, Nonnen und ihre Regel

Mönche und Nonnen sind Menschen, die ihr Leben ganz Gott widmen. Sie leben in einer Gemeinschaft, einem Kloster. An der Spitze steht ein Abt (bei Männern) oder eine Äbtissin (bei Frauen). Wer nach der Regel Benedikts eintritt, legt drei Versprechen ab, die Gelübde (Kapitel 58): Beständigkeit (im Kloster bleiben), klösterlicher Lebenswandel (dazu gehören Armut und Ehelosigkeit) und Gehorsam. Die bekannte Dreiheit Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam stammt aus späteren Orden.

Wie der Tag im Kloster abläuft, regelt eine Ordensregel. Die wichtigste im Westen Europas schrieb Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert. Er gründete um 529 das Kloster Montecassino in Italien. Seine Regel, die Benediktsregel, wurde im Frankenreich zur Grundlage fast aller Klöster.

Zwei Stellen aus der Benediktsregel

Die Regel ist in Latein geschrieben. Hier zwei kurze Auszüge, zuerst im Original, dann übersetzt.

Aus Kapitel 48 „Von der täglichen Handarbeit“:

Otiositas inimica est animae, et ideo certis temporibus occupari debent fratres in labore manuum, certis iterum horis in lectione divina.

Übersetzung:

Müßiggang ist der Feind der Seele. Deshalb sollen sich die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit beschäftigen, zu anderen bestimmten Stunden mit dem Lesen heiliger Texte.

Aus Kapitel 66 „Von den Pförtnern des Klosters“:

Monasterium autem, si possit fieri, ita debet constitui ut omnia necessaria, id est aqua, molendinum, hortum vel artes diversas intra monasterium exerceantur, ut non sit necessitas monachis vagandi foris.

Übersetzung:

Das Kloster soll, wenn es möglich ist, so angelegt werden, dass alles Nötige, nämlich Wasser, Mühle, Garten und die verschiedenen Handwerke, innerhalb des Klosters vorhanden ist. So müssen die Mönche nicht draußen umherlaufen.

Quelle: Benedikt von Nursia, Regel (Regula Benedicti), 6. Jahrhundert. Lateinischer Text nach Wikisource (la.wikisource.org), Übersetzung: Seven Assistant Redaktion.

„Ora et labora“

Den Wahlspruch „ora et labora“, „bete und arbeite“, kennen viele. Er steht so aber nicht in der Benediktsregel. Er ist eine spätere, kurze Zusammenfassung ihres Inhalts. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer Quelle eine Darstellung wird, die man sich leichter merken kann.

Ein Tag im Kloster

Der Tag war in feste Gebetszeiten eingeteilt, die Stundengebete. Sie begannen in der Nacht und endeten am Abend. Dazwischen lagen Arbeit, Lesen, Essen und Ruhe. In der Arbeitszeit bestellten Mönche und Nonnen Gärten und Felder, kopierten Bücher von Hand, kümmerten sich um Kranke und Arme oder unterrichteten Kinder.

Warum Klöster so wichtig waren

  • Bildung: In Klosterschulen lernten künftige Geistliche und manche Adlige Lesen, Schreiben und Latein.
  • Wissen: In den Schreibstuben (Skriptorien) wurden Bibeln, aber auch antike Texte abgeschrieben. Viele Werke der Antike kennen wir nur, weil Mönche sie kopiert haben.
  • Versorgung: Klöster pflegten Kranke, nahmen Reisende auf und gaben Armen Essen.
  • Wirtschaft: Viele Klöster waren große Grundherren mit vielen abhängigen Bauern. Sie führten neue Anbaumethoden und Pflanzen ein.

Beispiele

Beispiel 1: Der St. Galler Klosterplan

Pergament mit roter Federzeichnung: Grundriss einer Klosteranlage mit Kirche, Kreuzgang und vielen Nebengebäuden, lateinisch beschriftet.
Bildquelle: St. Galler Klosterplan, um 820/830, Stiftsbibliothek St. Gallen. Er ist die älteste erhaltene Bauzeichnung des Mittelalters.Bild: unbekannt, Public Domain, Wikimedia Commons (öffnet eine externe Seite)

Der Plan entstand um 820/830 im Kloster Reichenau am Bodensee für das Kloster St. Gallen. Er zeigt ein ideales Kloster mit rund 50 Gebäuden. In der Mitte steht die Kirche, daneben der Kreuzgang, um den Schlafsaal, Speisesaal und Vorratsraum liegen. Rundherum findet man Schule, Krankenhaus, Gästehaus, Bäckerei, Brauerei, Mühle, Werkstätten, Ställe, einen Kräuter- und einen Gemüsegarten. Der Plan setzt also um, was Kapitel 66 der Regel verlangt: Alles Nötige soll innerhalb des Klosters liegen. Gebaut wurde das Kloster nie genau so. Der Plan ist ein Ideal.

Beispiel 2: Eine Quelle zusammenfassen

Aufgabe: Fasse Kapitel 48 in einem Satz zusammen.

Lösung: Benedikt verlangt, dass die Mönche nie untätig sind, sondern ihre Zeit fest zwischen Handarbeit und dem Lesen heiliger Texte aufteilen, weil Nichtstun der Seele schadet.

Merksatz

Mönche und Nonnen leben nach einer Ordensregel, im Westen meist nach der Regel Benedikts. Ihr Tag ist zwischen Gebet, Arbeit und Lesen aufgeteilt. Klöster waren Orte des Glaubens, aber auch der Bildung, der Krankenpflege und der Landwirtschaft.

Übungen

Grundlagen

  1. Nenne die drei Gelübde nach der Benediktsregel.
  2. Nenne vier Gebäude, die auf dem St. Galler Klosterplan zu finden sind.
  3. Gib Kapitel 66 der Benediktsregel mit eigenen Worten wieder.

Weiter

  1. Erkläre, warum ein Kloster nach Kapitel 66 möglichst alles Nötige selbst haben soll.
  2. Erkläre, warum „ora et labora“ keine Quelle aus dem 6. Jahrhundert ist, sondern eine Darstellung.

Knobeln

  1. Erläutere an zwei Beispielen, warum Klöster für die Menschen außerhalb der Klostermauern wichtig waren.
  2. Eine Bauernfamilie lebt auf dem Land eines Klosters. Beschreibe ihre Lage aus zwei Perspektiven: aus Sicht der Familie und aus Sicht der Äbtissin.

Lösungen

  1. Beständigkeit (stabilitas loci), klösterlicher Lebenswandel (conversatio morum, mit Armut und Ehelosigkeit) und Gehorsam (oboedientia). Spätere Orden fassten die Gelübde als Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam.
  2. Zum Beispiel Kirche, Kreuzgang, Schlafsaal, Speisesaal, Schule, Krankenhaus, Gästehaus, Bäckerei, Brauerei, Mühle, Ställe, Garten.
  3. Das Kloster soll so gebaut sein, dass Wasser, Mühle, Garten und Werkstätten im Kloster liegen, damit die Mönche es nicht verlassen müssen.
  4. Mönche sollen sich auf Gebet und Arbeit konzentrieren. Draußen in der Welt gibt es Ablenkungen und Versuchungen. Ein Kloster, das sich selbst versorgt, schützt die Gemeinschaft und macht sie unabhängig.
  5. Der Spruch steht nicht in der Regel. Er wurde später als kurze Zusammenfassung formuliert. Er stammt also nicht aus der Zeit Benedikts, sondern ist eine Deutung seiner Regel.
  6. Zum Beispiel: Klöster pflegten Kranke und gaben Armen Essen. Sie unterrichteten Kinder in Klosterschulen. Sie bewahrten Wissen, indem sie Bücher abschrieben. Sie waren Grundherren und Arbeitgeber.
  7. Erwartungshorizont: Aus Sicht der Familie stehen Abgaben, Frondienste und Abhängigkeit im Vordergrund, aber auch Schutz und Hilfe in Notzeiten. Aus Sicht der Äbtissin sind die Abgaben nötig, damit das Kloster beten, Arme versorgen und Kranke pflegen kann. Beide Sichtweisen werden getrennt und begründet dargestellt.

Zur Vorlage: Leben im Mittelalter: Stände, Lehnswesen, Kloster und Stadt

Die Vorlage in Ihrem Kurs

Mit einem kostenlosen Konto übernehmen Sie die Vorlage als eigenen Kurs.