Darum geht es
Ein König im Mittelalter hatte kein Telefon, keine Polizei, kein Finanzamt und kaum Geld. Sein Reich war riesig, die Wege waren schlecht. Wie konnte er trotzdem herrschen und im Krieg ein Heer aufstellen? Die Antwort hat zwei Teile: das Lehnswesen und die Grundherrschaft.
Erklärung
Das Lehnswesen: Land gegen Treue
Der wichtigste Besitz im Mittelalter war Land. Wer Land hatte, hatte Bauern, die es bewirtschafteten, und damit Einkommen. Der König verlieh Land, Ämter und Rechte an mächtige Adlige und an Bischöfe und Äbte. So etwas Verliehenes heißt Lehen.
- Wer ein Lehen vergibt, ist der Lehnsherr.
- Wer ein Lehen bekommt, ist der Vasall (auch Lehnsmann).
Beide gingen ein Treueverhältnis ein. Bei einer Feier legte der Vasall seine gefalteten Hände in die Hände des Herrn und schwor ihm Treue. Der Herr versprach Schutz und überließ ihm das Lehen. Der Vasall versprach Rat und Hilfe. Hilfe hieß vor allem: mit bewaffneten Reitern in den Krieg ziehen.
Die großen Vasallen des Königs heißen Kronvasallen. Sie gaben selbst Teile ihres Lehens an eigene Vasallen weiter, zum Beispiel an Ritter. Das sind die Untervasallen. So entstand eine Kette von Treueverhältnissen.
Das Lehen blieb Eigentum des Herrn. Der Vasall durfte es nur nutzen, ursprünglich auf Lebenszeit. Mit der Zeit setzten die Vasallen aber durch, dass ihre Söhne das Lehen erben durften. Für den König war das ein Problem: Er konnte das Land kaum noch zurückfordern, und manche Fürsten wurden fast so mächtig wie er.
Die Grundherrschaft: Leben auf dem Land
Die Lehnsherren und Vasallen bearbeiteten ihr Land nicht selbst. Das taten die Bauern. Das Verhältnis zwischen einem Grundherrn und den Bauern auf seinem Land heißt Grundherrschaft. Grundherren waren Adlige, aber auch Bischöfe und Klöster.
Die meisten Bauern waren abhängig:
- Sie bekamen vom Grundherrn ein Stück Land (eine Hufe) und seinen Schutz.
- Dafür zahlten sie Abgaben, meist in Naturalien: Getreide, Eier, Hühner, Flachs.
- Sie leisteten Frondienste: Arbeit auf den Feldern des Herrn, Fuhren, Bauarbeiten.
- Sie durften den Hof nicht ohne Erlaubnis verlassen und brauchten oft sogar für eine Heirat die Zustimmung des Herrn.
- Der Grundherr war zugleich ihr Richter bei kleineren Streitigkeiten.
Dazu kam der Zehnt, eine Abgabe an die Kirche, ursprünglich ein Zehntel der Ernte.

Das Modell als Pyramide
Die folgende Darstellung fasst beides zusammen. Oben die Kette der Lehen, unten die Grundherrschaft.
Beispiele
Beispiel 1: Ein Bild als Quelle untersuchen
Das Märzbild aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry:
- Wer und wann? Die Brüder Limburg begannen es um 1412 bis 1416 im Auftrag des Herzogs Jean de Berry, eines der reichsten Adligen Frankreichs. Fertig gemalt wurde es wohl erst um 1440.
- Was? Ein Bauer pflügt mit Ochsen, andere arbeiten im Weinberg. Hinter ihnen steht eine prächtige Burg, die dem Herzog gehörte.
- Wozu? Ein Stundenbuch ist ein Gebetbuch. Dieses war ein kostbares Prunkbuch für den Herzog. Die Bauern wirken ordentlich, fleißig und friedlich.
- Deutung: Das Bild zeigt die Grundherrschaft aus der Sicht des Herrn: Die Arbeit der Bauern gehört zu seinem schönen Besitz. Harte Arbeit, Hunger oder Streit zeigt es nicht.
Beispiel 2: Der Zehnt
Ein Bauer erntet 40 Säcke Getreide.
- Zehnt an die Kirche: 40 : 10 = 4 Säcke.
- Abgaben an den Grundherrn: angenommen 8 Säcke.
- Saatgut für das nächste Jahr: etwa 10 Säcke.
- Für die Familie bleiben: 40 − 4 − 8 − 10 = 18 Säcke.
Die Zahlen sind ein vereinfachtes Beispiel. Sie zeigen aber, warum eine schlechte Ernte schnell zu Hunger führte.
Merksatz
Im Lehnswesen vergibt ein Lehnsherr ein Lehen an einen Vasallen. Der Herr gibt Schutz und Land, der Vasall schuldet Treue, Rat und Hilfe. In der Grundherrschaft bewirtschaften abhängige Bauern das Land eines Grundherrn. Sie bekommen Schutz und leisten dafür Abgaben und Frondienste.
Übungen
Grundlagen
- Erkläre die Begriffe Lehen, Lehnsherr und Vasall.
- Nenne drei Pflichten abhängiger Bauern gegenüber ihrem Grundherrn.
- Beschreibe das Schaubild zum Lehnswesen von oben nach unten.
Weiter
- Erkläre, warum es für den König gefährlich wurde, als Lehen erblich wurden.
- Vergleiche Lehnswesen und Grundherrschaft: Was ist gleich, was ist verschieden?
Knobeln
- Ein Bischof ist Vasall des Königs und zugleich Grundherr. Erkläre, welche Pflichten er nach oben und welche Rechte er nach unten hat.
- Beurteile, ob das Märzbild eine gute Quelle ist, um das Leben der Bauern zu erforschen. Nenne ein Argument dafür und eines dagegen.
Lösungen
- Ein Lehen ist Land, ein Amt oder ein Recht, das verliehen wird. Der Lehnsherr vergibt es, der Vasall empfängt es und schuldet dafür Treue, Rat und Hilfe.
- Zum Beispiel: Abgaben in Naturalien, Frondienste auf den Feldern des Herrn, Bindung an den Hof (auch möglich: Zustimmung zur Heirat, Unterordnung unter das Gericht des Herrn).
- Oben steht der König. Er gibt Lehen und Schutz an die Kronvasallen, diese schulden ihm Treue, Rat und Hilfe. Die Kronvasallen geben Lehen an Untervasallen wie Ritter weiter. Unten stehen die Bauern: Sie bekommen Land und Schutz und leisten Abgaben und Frondienste.
- Wenn ein Lehen erblich ist, bleibt es in der Familie des Vasallen. Der König kann es nicht mehr an treue Leute neu vergeben. Die Fürsten werden dadurch selbstständiger und mächtiger.
- Gleich: In beiden Fällen gibt es ein Gegenseitigkeitsverhältnis aus Schutz und Leistung, und Land ist das Wichtigste. Verschieden: Im Lehnswesen sind beide Seiten Adlige oder hohe Geistliche, und es geht um Treue und Kriegsdienst. In der Grundherrschaft sind die Bauern abhängig und leisten Arbeit und Abgaben.
- Nach oben schuldet er dem König Treue, Rat und Hilfe, zum Beispiel Reiter für ein Heer. Nach unten hat er als Grundherr Anspruch auf Abgaben und Frondienste seiner Bauern und ist ihr Richter. Er muss ihnen aber auch Schutz bieten.
- Dafür: Es stammt aus der Zeit selbst und zeigt Geräte, Tiere und Arbeiten genau. Dagegen: Es wurde für einen reichen Herzog gemalt und zeigt das Bauernleben geschönt. Gefühle, Not und Meinungen der Bauern zeigt es nicht.