Darum geht es
Die Industrialisierung brachte neue Waren, Eisenbahnen und Wohlstand, aber nicht für alle. Während Fabrikbesitzer Villen bauten, lebten Arbeiterfamilien zu sechst in einem Zimmer und vermieteten das letzte Bett noch an einen Fremden. Die Frage, wie man die Not der Arbeiter lindern und Gesellschaft gerechter machen kann, nannten die Zeitgenossen die soziale Frage.
Erklärung
Was ist die soziale Frage?
Mit sozialer Frage bezeichnete man im 19. Jahrhundert die Gesamtheit der Probleme, die mit der Industrialisierung für die Arbeiterschaft entstanden:
- niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten,
- keine Absicherung bei Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und im Alter,
- Kinderarbeit,
- Wohnungsnot und schlechte Hygiene in den Städten,
- fehlende politische Mitsprache der Arbeiter.
Schon vor der Industrialisierung gab es in Deutschland eine große Armut, weil die Bevölkerung schneller wuchs als die Arbeitsplätze. Diese Massenarmut der 1830er- und 1840er-Jahre heißt Pauperismus. Die Fabriken boten vielen erst einmal Arbeit, schufen aber neue Abhängigkeiten.
Wohnen in der Industriestadt
Die Städte wuchsen schneller, als Wohnungen gebaut werden konnten. Berlin hatte 1871 rund 830 000 Einwohner, 1910 waren es über zwei Millionen. In Berlin und anderen Großstädten entstanden Mietskasernen: fünfstöckige Häuser mit mehreren engen Hinterhöfen. Viele Wohnungen bestanden aus einem Zimmer und einer Küche. Toiletten lagen auf dem Hof oder im Treppenhaus und wurden von vielen Familien geteilt. Um die Miete zu bezahlen, nahmen Familien Schlafgänger auf: Arbeiter, die nur ein Bett für die Stunden nach ihrer Schicht mieteten. Krankheiten wie Tuberkulose oder Cholera verbreiteten sich schnell.
Eine neue Gesellschaft: die Klassengesellschaft
Die alte Ständegesellschaft, in der die Geburt den Platz bestimmte, löste sich auf. An ihre Stelle trat eine Gesellschaft, in der vor allem Besitz und Einkommen über die Stellung entschieden. Man spricht von Klassengesellschaft:
- Das Wirtschaftsbürgertum: Unternehmer, Bankiers, Kaufleute, die Fabriken und Kapital besaßen.
- Das Bildungsbürgertum: Beamte, Ärzte, Lehrer, Juristen.
- Der alte Mittelstand: Handwerker, kleine Händler, die sich oft vom Abstieg bedroht fühlten.
- Die Arbeiterschaft (das Proletariat): Menschen ohne Besitz an Produktionsmitteln, die von ihrem Lohn lebten.
Der Adel blieb vor allem in Militär, Verwaltung und auf dem Land einflussreich.
Die Deutung von Marx und Engels
Der Philosoph Karl Marx und der Unternehmersohn Friedrich Engels erklärten die Lage der Arbeiter mit einem Gegensatz zwischen zwei Klassen. 1848 veröffentlichten sie in London das „Manifest der Kommunistischen Partei“, das sie im Auftrag des Bundes der Kommunisten verfasst hatten. Der Text beginnt mit dem Satz „Ein Gespenst geht um in Europa“. Abschnitt I beginnt mit dem Satz:
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
Etwas später heißt es:
Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große einander direkt gegenüberstehende Klassen – Bourgeoisie und Proletariat.
Quelle: Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848. Text nach Wikisource (de.wikisource.org), Schreibweise des Originals.
Mit Bourgeoisie meinen sie die Besitzer der Fabriken, mit Proletariat die besitzlosen Lohnarbeiter. Marx und Engels forderten eine Revolution, in der die Arbeiter die Macht übernehmen und das Privateigentum an Fabriken abschaffen. Ihre Schrift ist eine Quelle, die zugleich eine Deutung und ein politisches Programm ist. Die Gesellschaft war in Wirklichkeit vielfältiger, als ihr Zwei-Klassen-Modell sagt. Im 20. Jahrhundert beriefen sich Diktaturen in der Sowjetunion und in der DDR auf Marx und Engels.
Beispiele
Beispiel 1: Ein Haushaltsbudget
Ein einfaches, gerundetes Rechenbeispiel für eine Arbeiterfamilie um 1890 zeigt, warum alle mitverdienen mussten:
| Posten | Anteil am Einkommen |
|---|---|
| Nahrung | etwa 50 bis 60 Prozent |
| Miete | etwa 15 bis 20 Prozent |
| Kleidung, Heizung, Licht | etwa 15 Prozent |
| alles andere (Schule, Arzt, Freizeit) | der Rest |
Wenn mehr als die Hälfte des Lohns für Essen ausgegeben wird, reicht schon eine Krankheit oder ein Unfall, und die Familie gerät in Not. Heute ist der Anteil für Nahrung in deutschen Haushalten viel kleiner, weil Einkommen gestiegen und Lebensmittel im Verhältnis billiger geworden sind.
Beispiel 2: Eine Quelle einordnen
- Wer? Marx und Engels, im Auftrag des Bundes der Kommunisten, einer kleinen revolutionären Vereinigung (Auftrag 1847).
- Wann und wo? Februar 1848, London, kurz vor den Revolutionen in Europa.
- Was? Die Gesellschaft ist in zwei feindliche Klassen gespalten.
- Wozu? Die Schrift will Arbeiter für eine Revolution gewinnen. Sie überspitzt bewusst.
Merksatz
Die soziale Frage umfasst die Not der Arbeiterschaft in der Industrialisierung: niedrige Löhne, fehlende Absicherung, Kinderarbeit und Wohnungselend. Aus der Ständegesellschaft wurde eine Klassengesellschaft, in der Besitz die Stellung bestimmte. Marx und Engels deuteten sie als Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat.
Übungen
Grundlagen
- Nenne fünf Probleme, die zur sozialen Frage gehören.
- Beschreibe die Wohnverhältnisse in einer Mietskaserne.
- Erkläre die Begriffe Bourgeoisie, Proletariat und Schlafgänger.
Weiter
- Vergleiche Ständegesellschaft und Klassengesellschaft: Was bestimmt jeweils den Platz eines Menschen?
- Erkläre, warum eine Arbeiterfamilie schon bei einer Krankheit in Not geraten konnte.
Knobeln
- Überprüfe die Aussage von Marx und Engels, die Gesellschaft spalte sich in zwei Klassen. Nenne Gruppen, die nicht in dieses Bild passen.
- Erläutere, warum das Kommunistische Manifest zugleich Quelle, Deutung und Programm ist.
Lösungen
- Zum Beispiel: niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, keine Absicherung bei Krankheit, Unfall und im Alter, Kinderarbeit, Wohnungsnot und schlechte Hygiene, fehlende politische Mitsprache.
- Fünfstöckige Häuser mit engen Hinterhöfen, kleine Wohnungen aus Zimmer und Küche, viele Menschen auf engem Raum, gemeinsame Toiletten auf dem Hof oder im Treppenhaus, oft zusätzlich Schlafgänger.
- Bourgeoisie: Besitzer von Fabriken und Kapital. Proletariat: Lohnarbeiter ohne eigenen Besitz an Produktionsmitteln. Schlafgänger: Menschen, die nur ein Bett für einige Stunden am Tag mieteten.
- In der Ständegesellschaft bestimmte vor allem die Geburt den Platz. In der Klassengesellschaft bestimmten vor allem Besitz, Einkommen und Bildung die Stellung. Ein Aufstieg war möglich, aber für Arbeiterkinder schwer.
- Mehr als die Hälfte des Lohns ging für Nahrung drauf, Rücklagen gab es kaum. Bei Krankheit fiel der Lohn weg, und lange Zeit gab es keine Krankenversicherung.
- Erwartungshorizont: Die Spaltung war real, aber das Modell vereinfacht. Es gab Bildungsbürger, Handwerker, kleine Händler, Bauern, Adel und Angestellte. Auch innerhalb der Arbeiterschaft gab es große Unterschiede (Facharbeiter und Hilfsarbeiter).
- Quelle: Es stammt aus dem Jahr 1848. Deutung: Es erklärt die Gesellschaft als Kampf von Klassen. Programm: Es ruft zur Revolution auf und will Menschen zum Handeln bewegen.