Darum geht es
Ein neunjähriges Kind, das morgens um fünf Uhr in die Spinnerei geht und abends erst um acht nach Hause kommt: Im 19. Jahrhundert war das in Europa und Amerika keine Ausnahme. Warum schickten Eltern ihre Kinder in die Fabrik? Und warum hat der Staat das irgendwann verboten?
Erklärung
Kinderarbeit ist älter als die Fabrik
Kinder haben schon immer mitgearbeitet: auf dem Hof, im Haushalt, in der Werkstatt der Eltern. Neu war in der Industrialisierung, dass Kinder außer Haus in Fabriken und Bergwerken arbeiteten, viele Stunden lang, unter fremder Aufsicht und im Takt der Maschinen. Besonders in Textilfabriken waren sie gefragt. Sie waren billig, klein und geschickt genug, um gerissene Fäden an den Spinnmaschinen schnell wieder zu knüpfen oder unter laufende Maschinen zu kriechen.
Warum arbeiteten Kinder?
- Armut: Der Lohn des Vaters reichte oft nicht. Auch Mutter und Kinder mussten verdienen, damit die Familie überleben konnte.
- Interesse der Unternehmer: Kinder bekamen nur einen Bruchteil des Lohns eines Mannes.
- Fehlende Regeln: Lange gab es keine Gesetze, die Kinderarbeit begrenzten, oder niemand kontrollierte sie.
- Einstellungen der Zeit: Viele hielten Arbeit für gut gegen Faulheit und für die Erziehung.
Die Folgen
Kinder in Fabriken litten unter Erschöpfung, Unfällen, verkrümmten Rücken und Lungenkrankheiten durch Staub. Viele konnten nicht regelmäßig zur Schule gehen und blieben Analphabeten.
Der Staat greift ein
Preußen erließ am 9. März 1839 als erster deutscher Staat ein Gesetz gegen Kinderarbeit, das Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken. Es bestimmte unter anderem:
- Kinder unter neun Jahren durften nicht regelmäßig in Fabriken, Bergwerken und Hütten arbeiten.
- Jugendliche unter 16 Jahren durften höchstens zehn Stunden am Tag arbeiten.
- Nachtarbeit sowie Arbeit an Sonn- und Feiertagen waren für sie verboten.
- Wer unter 16 war, musste drei Jahre Schulbesuch nachweisen.
Ein wichtiger Grund für das Gesetz war die Schulpflicht: Beamte wollten nicht länger hinnehmen, dass Kinder wegen der Fabrik nicht zur Schule gingen. Das Gesetz wurde aber schlecht kontrolliert. Erst nach und nach kamen strengere Regeln hinzu. Seit 1891 war im Deutschen Reich Fabrikarbeit für Kinder unter 13 Jahren verboten.
Heute ist Kinderarbeit in Deutschland durch das Jugendarbeitsschutzgesetz grundsätzlich verboten. Weltweit gibt es sie aber noch: Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und von UNICEF arbeiteten 2024 rund 138 Millionen Kinder, etwa 54 Millionen davon unter gefährlichen Bedingungen (Bericht vom 11. Juni 2025). Die meisten arbeiten in der Landwirtschaft.
Beispiele
Beispiel 1: Ein Foto als Bildquelle

- Wer, wann, wo? Der Fotograf Lewis Hine arbeitete für das National Child Labor Committee, einen Verein, der in den USA gegen Kinderarbeit kämpfte. Er machte das Foto 1908 in einer Baumwollspinnerei.
- Was? Ein kleines Mädchen steht zwischen riesigen Maschinen. Der Boden ist voller Baumwollflocken.
- Wozu? Hine wollte Kinderarbeit sichtbar machen und Gesetze erreichen. Er wählte Bildausschnitte, die zeigen, wie klein die Kinder neben den Maschinen sind. Zu dem Foto notierte er, der Aufseher habe behauptet, das Mädchen sei nur zufällig in der Halle.
- Einordnung: Das Foto stammt aus den USA, nicht aus Deutschland. Es zeigt, dass Kinderarbeit in allen Industrieländern verbreitet war. Es ist eine Quelle, die selbst Partei ergreift.
Beispiel 2: Perspektiven auf Kinderarbeit um 1840
| Person | mögliche Haltung | Begründung aus ihrer Sicht |
|---|---|---|
| Fabrikbesitzer | dafür | billige Arbeitskräfte, Konkurrenz mit England |
| Arbeitermutter | widerwillig dafür | ohne den Lohn der Kinder reicht das Geld nicht |
| Lehrer | dagegen | Kinder fehlen in der Schule, lernen nicht lesen |
| preußischer Beamter | für Begrenzung | Schulpflicht, Gesundheit der künftigen Bürger und Soldaten |
Merksatz
In der Industrialisierung arbeiteten viele Kinder in Fabriken und Bergwerken, vor allem weil ihre Familien arm waren und Unternehmer billige Arbeitskräfte suchten. Preußen begrenzte die Kinderarbeit 1839 als erster deutscher Staat. Weltweit ist Kinderarbeit bis heute nicht beseitigt.
Übungen
Grundlagen
- Nenne drei Gründe für Kinderarbeit in der Industrialisierung.
- Gib die wichtigsten Bestimmungen des Preußischen Regulativs von 1839 wieder.
- Beschreibe das Foto von Lewis Hine.
Weiter
- Erkläre, warum gerade die Schulpflicht ein Grund für das Regulativ war.
- Erläutere, warum das Foto von Hine eine Quelle ist, die „Partei ergreift“.
Knobeln
- Schreibe einen Leserbrief aus dem Jahr 1839, in dem eine Arbeitermutter auf das neue Gesetz reagiert. Sie soll Vor- und Nachteile für ihre Familie nennen.
- Beurteile, ob ein Verbot allein Kinderarbeit beseitigen kann. Beziehe dich auf das 19. Jahrhundert und auf die Lage heute.
Lösungen
- Armut der Familien, niedrige Löhne für Kinder (Interesse der Unternehmer), fehlende oder nicht kontrollierte Gesetze, die Ansicht, Arbeit erziehe Kinder.
- Keine regelmäßige Fabrikarbeit unter neun Jahren, höchstens zehn Stunden täglich unter 16 Jahren, kein Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienst für Jugendliche, Nachweis von drei Jahren Schulbesuch.
- Ein kleines Mädchen in Kittel, Schürze und dunklen Strümpfen steht im Gang zwischen zwei langen Reihen von Spinnmaschinen. Die Halle ist lang und hell, auf dem Boden liegen Baumwollflocken. Das Mädchen blickt ernst in die Kamera.
- Kinder, die den ganzen Tag in der Fabrik standen, konnten nicht zur Schule gehen. Der Staat wollte, dass alle Kinder lesen und schreiben lernen. Die Fabrikarbeit stand diesem Ziel im Weg.
- Hine arbeitete für einen Verein gegen Kinderarbeit. Er fotografierte, um Gesetze zu erreichen, und wählte Motive, die Mitleid und Empörung auslösen. Das Foto zeigt die Wirklichkeit, aber aus einer bestimmten Absicht heraus.
- Erwartungshorizont: Vorteile wie Gesundheit und Schulbesuch der Kinder, Nachteile wie fehlender Lohn und die Sorge, dass die Familie nicht über die Runden kommt. Der Brief bleibt in der Zeit und in der Sprache einer betroffenen Mutter.
- Erwartungshorizont: Ein Verbot ist wichtig, wirkt aber nur, wenn es kontrolliert wird und Familien ohne den Kinderlohn leben können. Im 19. Jahrhundert halfen erst höhere Löhne, Schulpflicht und Kontrollen. Heute wird Kinderarbeit vor allem durch Armut, fehlende Schulen und mangelnde Kontrollen gefördert. Ein Verbot allein reicht also nicht.