Darum geht es
Um 1800 sah das Leben der meisten Menschen in Deutschland ähnlich aus wie 300 Jahre zuvor: Sie lebten auf dem Land, arbeiteten mit Muskelkraft von Mensch und Tier, und Waren wurden von Hand hergestellt. Hundert Jahre später gab es Fabriken mit Tausenden Beschäftigten, Eisenbahnen, Großstädte und elektrisches Licht. Kaum ein Wandel hat den Alltag so stark verändert. Historiker nennen ihn Industrielle Revolution. Aber war das wirklich eine Revolution?
Erklärung
Was heißt Industrialisierung?
Industrialisierung bezeichnet den Übergang von einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen in der Landwirtschaft arbeiten, zu einer Gesellschaft, in der Güter vor allem mit Maschinen in Fabriken hergestellt werden. Typische Merkmale sind:
- neue Energie: Die Dampfmaschine ersetzt Muskelkraft, Wind und Wasserräder. Ihr Brennstoff ist Kohle.
- Maschinen und Fabriken: Spinnmaschinen, mechanische Webstühle und Werkzeugmaschinen arbeiten schneller als jede Hand. Viele Arbeitende kommen an einem Ort zusammen.
- Arbeitsteilung: Jeder Arbeiter macht nur noch wenige Handgriffe.
- Massenproduktion: Waren werden in großer Zahl und billiger hergestellt.
- Verkehr: Eisenbahn und Dampfschiff bringen Kohle, Rohstoffe, Waren und Menschen schnell an andere Orte.
England als Vorreiter
Die Industrialisierung begann im 18. Jahrhundert in Großbritannien. Dort kamen mehrere Bedingungen zusammen: viel Kohle und Eisenerz, Kapital aus Handel und Kolonien, ein großer Markt, eine wachsende Bevölkerung und eine Regierung, die Unternehmer gewähren ließ. James Watt verbesserte ab 1769 die Dampfmaschine so, dass sie wirtschaftlich nutzbar wurde. Die ersten großen Fabriken entstanden in der Baumwollindustrie.
Der späte Start in Deutschland
Deutschland folgte später. Bis 1871 gab es keinen deutschen Staat, sondern viele einzelne Länder mit eigenen Zöllen, Maßen und Münzen. Der Deutsche Zollverein von 1834 schuf einen gemeinsamen Markt. Den Durchbruch brachte die Eisenbahn: 1835 fuhr die erste Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Der Bau von Bahnen brauchte Eisen, Stahl und Kohle. So wuchsen Bergbau und Schwerindustrie, vor allem im Ruhrgebiet, in Sachsen und in Oberschlesien. Nach der Reichsgründung 1871 wurde Deutschland zu einem der führenden Industriestaaten der Welt.
Revolution oder Entwicklung?
Eine Revolution ist ein schneller, grundlegender Umbruch. Eine Evolution ist eine allmähliche Entwicklung. Für das Wort Revolution spricht, wie tief sich Arbeit, Wohnen und Gesellschaft veränderten. Dagegen spricht, dass der Wandel in Deutschland mehrere Jahrzehnte dauerte und in manchen Regionen kaum ankam. Viele Historiker sprechen deshalb lieber von Industrialisierung als einem langen Prozess. Beide Begriffe sind Deutungen, also Teil einer Darstellung.
Beispiele
Beispiel 1: Eine Stadt verändert sich
Eine Volkszeitschrift schrieb 1878 über die Stadt Essen im Ruhrgebiet, in der Alfred Krupp seine Gussstahlfabrik betrieb:
Seine Heimathstadt Essen ist durch ihn zu großer Bedeutung gelangt. Während sie im Jahre 1842 erst 6000 Einwohner hatte, zählte sie deren im Jahre 1875 bereits etwa 55.000.
Quelle: Alfred Krupp. In: Hottinger’s Volksblatt, 1878, S. 11. Text nach Wikisource (de.wikisource.org).
Rechnung: 55 000 : 6000 ≈ 9. In 33 Jahren hat sich die Einwohnerzahl ungefähr verneunfacht. Die Menschen kamen vom Land, weil es in Bergwerken und Fabriken Arbeit gab. Diesen Zuzug in die Städte nennt man Urbanisierung (Verstädterung).
Beispiel 2: Ursache und Folge verknüpfen
Eisenbahnbau → mehr Bedarf an Eisen und Kohle → neue Bergwerke und Hütten → mehr Arbeitsplätze → Menschen ziehen in die Industriestädte → Wohnungsnot.
Mit solchen Ketten zeigst du, dass ein Ereignis viele Folgen haben kann (kausale Verknüpfung).
Merksatz
Die Industrialisierung ist der Übergang zur Herstellung von Gütern mit Maschinen in Fabriken. Sie begann im 18. Jahrhundert in England. In Deutschland setzte sie mit dem Eisenbahnbau ab 1835 richtig ein. Ob man von „Revolution“ spricht, ist eine Frage der Deutung.
Übungen
Grundlagen
- Nenne vier Merkmale der Industrialisierung.
- Nenne drei Gründe, warum die Industrialisierung in England begann.
- Beschreibe die Entwicklung der Einwohnerzahl von Essen zwischen 1842 und 1875.
Weiter
- Erkläre, warum die Eisenbahn für die Industrialisierung in Deutschland so wichtig war.
- Erkläre, warum Deutschland später mit der Industrialisierung begann als England.
Knobeln
- „Industrielle Revolution“ oder „Industrialisierung“? Erörtere in fünf bis acht Sätzen, welcher Begriff besser passt. Beziehe dich auf die Bedeutung von Revolution und Evolution.
- Die Quelle aus dem Volksblatt nennt Krupp als Grund für das Wachstum von Essen. Überprüfe, ob das die ganze Erklärung sein kann.
Lösungen
- Zum Beispiel: Dampfmaschine als neue Energiequelle, Maschinen und Fabriken, Arbeitsteilung, Massenproduktion, neue Verkehrsmittel wie Eisenbahn und Dampfschiff.
- Zum Beispiel: Kohle und Eisenerz im eigenen Land, Kapital aus Handel und Kolonien, ein großer Markt, eine wachsende Bevölkerung, eine unternehmerfreundliche Politik.
- Die Einwohnerzahl stieg von etwa 6000 (1842) auf etwa 55 000 (1875). Sie hat sich also in gut drei Jahrzehnten ungefähr verneunfacht.
- Für den Bau von Gleisen, Lokomotiven und Waggons brauchte man viel Eisen, Stahl und Kohle. Das förderte Bergbau und Schwerindustrie. Außerdem konnten Rohstoffe und Waren schnell und billig transportiert werden.
- Deutschland war in viele Staaten mit eigenen Zöllen, Maßen und Münzen geteilt. Es gab keinen gemeinsamen Markt. Erst Zollverein (1834) und Eisenbahnbau verbanden die Regionen.
- Erwartungshorizont: Für „Revolution“ spricht der tiefe Umbruch von Arbeit, Wohnen, Verkehr und Gesellschaft. Für „Industrialisierung“ beziehungsweise Evolution spricht, dass der Wandel über Jahrzehnte verlief und regional sehr unterschiedlich war. Ein begründetes eigenes Urteil schließt die Antwort ab.
- Erwartungshorizont: Krupp war ein großer Arbeitgeber, aber nicht der einzige Grund. Das Ruhrgebiet hatte Kohle, Eisenbahnen verbanden Essen mit anderen Städten, und es gab viele Zechen. Die Quelle lobt Krupp und vereinfacht deshalb.