Darum geht es
Heute ist im Gesetz geregelt, wie lange du später höchstens arbeiten darfst, dass du Urlaub bekommst und versichert bist, wenn du einen Unfall hast. Für Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter um 1850 gab es nichts davon. Wie sah ihr Arbeitstag aus? Und was verrät ein berühmtes Gemälde darüber?
Erklärung
Lohnarbeit: eine neue Form der Arbeit
Ein Handwerker oder Bauer besaß früher meist sein Werkzeug, seine Werkstatt oder seinen Hof. In der Fabrik war das anders: Maschinen, Gebäude und Rohstoffe gehörten dem Unternehmer. Die Arbeiter besaßen nur ihre Arbeitskraft. Sie verkauften sie gegen Lohn. Ein Wirtschaftssystem, in dem Privatleute Fabriken besitzen, auf eigenes Risiko produzieren und Gewinn erzielen wollen, nennt man Kapitalismus.
Wer viele Arbeitskräfte suchte, fand sie leicht, denn auf dem Land gab es zu wenig Arbeit für die wachsende Bevölkerung. Darum konnten die Unternehmer die Bedingungen weitgehend bestimmen. Wer sich beschwerte, wurde entlassen und ersetzt.
Ein Arbeitstag um 1850
- Arbeitszeit: Zwölf bis vierzehn Stunden am Tag waren üblich, an sechs Tagen in der Woche. Um 1900 waren es noch etwa zehn bis elf Stunden.
- Takt der Maschine: Nicht mehr Tageslicht und Jahreszeit bestimmten den Rhythmus, sondern die Fabrikuhr und die Dampfmaschine.
- Fabrikordnung: Jede Fabrik hatte eine Ordnung mit strengen Regeln. Wer zu spät kam, redete oder etwas beschädigte, zahlte Strafe vom Lohn.
- Gefahren: Lärm, Hitze, Staub und ungeschützte Maschinen führten zu Unfällen und Krankheiten. Wer krank oder verletzt war, bekam lange Zeit keinen Lohn.
- Lohn: Er reichte oft kaum für die Familie. Frauen bekamen für die gleiche Arbeit deutlich weniger als Männer. Deshalb mussten häufig alle Familienmitglieder mitverdienen, auch Kinder.
Arbeit in Bergwerk und Hütte
Besonders hart war die Arbeit unter Tage im Bergbau und in den Hütten- und Walzwerken, in denen Eisen und Stahl hergestellt wurden. Bergleute arbeiteten in engen Stollen mit der Gefahr von Einstürzen und Gasexplosionen. In den Walzwerken wurden glühende Eisenblöcke zwischen Walzen zu Schienen und Blechen geformt.
Beispiele
Beispiel 1: Ein Gemälde als Bildquelle

So beschreibst und deutest du ein Gemälde in drei Schritten:
- Beschreiben: Der Maler Adolph Menzel zeigt die Halle eines Walzwerks. In der Mitte ziehen mehrere Männer mit langen Zangen einen glühenden Eisenblock zur Walze. Das Licht kommt vom glühenden Eisen, sonst ist die Halle dunkel und voller Rauch. Rechts unten essen Arbeiter, die eine Frau mit einem Korb versorgt, links waschen sich Männer am Ende ihrer Schicht. Im Hintergrund sieht man ein großes Schwungrad und Transmissionsriemen.
- Untersuchen: Menzel reiste 1872 in die Königshütte in Oberschlesien und machte dort viele Skizzen. Das Bild malte er danach in Berlin. Es wurde 1875 von der Nationalgalerie gekauft. Später bekam es den Beinamen „Moderne Cyklopen“, also moderne Riesen.
- Deuten: Das Bild zeigt die Arbeit als gewaltig, gefährlich und gemeinsam. Die Arbeiter wirken stark, aber erschöpft, ihre Gesichter sind kaum zu erkennen. Es zeigt keine Unternehmer und keine Forderungen. Ob Menzel die Arbeiter bewundert oder ihr Elend anklagt, lässt das Bild offen. Wer es für das Museum kaufte, sah darin vor allem ein Zeichen für den Fortschritt der Industrie.
Beispiel 2: Eine erfundene Fabrikordnung auswerten
Die folgenden Regeln sind ein Beispiel, wie sie in vielen Fabrikordnungen der Zeit ähnlich vorkamen:
| Regel | Wem nützt sie? | Wie wirkt sie auf die Arbeiter? |
|---|---|---|
| Arbeitsbeginn 6 Uhr, Ende 19 Uhr, eine Stunde Mittag | Unternehmer: lange Laufzeit der Maschinen | zwölf Stunden Arbeit, kaum Freizeit |
| Wer fünf Minuten zu spät kommt, verliert den Lohn einer Viertelschicht | Unternehmer: Pünktlichkeit | hohe Strafe, Angst |
| Gespräche während der Arbeit sind verboten | Unternehmer: Ordnung, Leistung | keine Gemeinschaft, keine Absprachen |
Merksatz
In der Fabrik verkauften Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Arbeitskraft gegen Lohn. Lange Arbeitszeiten, strenge Fabrikordnungen, gefährliche Arbeit und niedrige Löhne prägten ihren Alltag. Schutz bei Krankheit, Unfall oder im Alter gab es lange Zeit nicht.
Übungen
Grundlagen
- Erkläre den Begriff Lohnarbeit.
- Nenne fünf Merkmale des Arbeitsalltags in einer Fabrik um 1850.
- Beschreibe drei Einzelheiten aus Menzels Gemälde, die zeigen, wie gefährlich die Arbeit war.
Weiter
- Erkläre, warum Unternehmer die Arbeitsbedingungen weitgehend allein bestimmen konnten.
- Vergleiche die Arbeit eines Handwerksmeisters um 1800 mit der eines Fabrikarbeiters um 1850.
Knobeln
- Interpretiere Menzels Gemälde: Bewundert das Bild die Industriearbeit, oder klagt es die Arbeitsbedingungen an? Begründe mit Einzelheiten aus dem Bild.
- Entwirf aus Sicht der Arbeiter drei Änderungen an der Fabrikordnung oben und begründe sie.
Lösungen
- Bei der Lohnarbeit verkaufen Menschen ihre Arbeitskraft an einen Arbeitgeber und bekommen dafür Lohn. Maschinen, Werkstatt und Produkte gehören nicht ihnen, sondern dem Unternehmer.
- Zum Beispiel: 12 bis 14 Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche, Takt der Maschinen, strenge Fabrikordnungen mit Lohnstrafen, Unfall- und Krankheitsgefahr, niedrige Löhne, kein Lohn bei Krankheit.
- Zum Beispiel: Die Männer stehen direkt neben dem glühenden Eisen. Überall sind Funken und Rauch. Die Maschinen und Riemen sind nicht abgedeckt. Die Männer tragen keine Schutzkleidung.
- Es gab mehr Menschen, die Arbeit suchten, als Arbeitsplätze. Arbeiter konnten leicht ersetzt werden. Es gab lange Zeit keine Gesetze zum Schutz der Arbeiter und keine starken Gewerkschaften.
- Der Meister besaß Werkstatt und Werkzeug, stellte ein Produkt ganz her und bestimmte seinen Arbeitsrhythmus weitgehend selbst. Der Fabrikarbeiter besaß nichts außer seiner Arbeitskraft, machte nur wenige Handgriffe, arbeitete im Takt der Maschine und unter fremden Regeln.
- Erwartungshorizont: Für Bewunderung sprechen die Größe der Halle, das dramatische Licht, die kraftvollen Bewegungen und die Zusammenarbeit. Für Anklage sprechen Hitze, Gefahr, fehlender Schutz, Erschöpfung und namenlose Gesichter. Ein begründetes Urteil kann auch lauten, dass das Bild beides zeigt.
- Erwartungshorizont: zum Beispiel kürzere Arbeitszeit, geringere oder keine Lohnstrafen, Pausen und Gespräche erlaubt, Schutzvorrichtungen an Maschinen. Jede Änderung wird mit Gesundheit, Gerechtigkeit oder Familie begründet.