Darum geht es
Dein Freund hat die Deutschstunde verpasst und fragt: „Worum ging es in der Geschichte?“ Du willst ihm nicht die ganze Geschichte nacherzählen. Er braucht in einer Minute das Wichtigste: wer, was, warum, wie es ausgeht. Genau das leistet eine Inhaltsangabe. Sie informiert knapp und sachlich über einen Text. Bevor du sie schreiben kannst, musst du den Text gründlich verstehen. Darum geht es in dieser ersten Lektion.
Erklärung
Inhaltsangabe oder Nacherzählung?
| Nacherzählung | Inhaltsangabe | |
|---|---|---|
| Ziel | unterhalten, Spannung erzeugen | informieren |
| Zeitform | Präteritum | Präsens |
| Länge | ähnlich lang wie das Original | deutlich kürzer |
| Sprache | anschaulich, mit wörtlicher Rede | sachlich, ohne wörtliche Rede |
| Reihenfolge | wie im Original | nach Zusammenhängen geordnet, meist zeitlich |
Den Text in vier Schritten erschließen
- Erster Eindruck: Lies den Text einmal ganz durch. Notiere in einem Satz, worum es geht.
- W-Fragen klären: Wer? Wo? Wann? Was geschieht? Warum? Wie endet es?
- Sinnabschnitte bilden: Teile den Text in Abschnitte, in denen jeweils ein Handlungsschritt passiert. Ein neuer Abschnitt beginnt oft, wenn sich Ort, Zeit oder Figuren ändern.
- Überschriften und Stichwörter: Gib jedem Abschnitt eine kurze Überschrift und notiere das Wichtigste in Stichwörtern.
Unbekannte Wörter klärst du vorher aus dem Zusammenhang oder mit einem Wörterbuch.
Beispiele
Der Übungstext
Diesen Text verwendest du in den nächsten Lektionen. Die Absätze sind nummeriert, damit du dich auf sie beziehen kannst.
Sieben Tage ohne (Text: Seven Assistant Redaktion)
(1) Am Sonntagabend legte Lena ihr Handy in die Schreibtischschublade ihres Bruders. „Eine Woche“, sagte Tim und grinste. „Wenn du durchhältst, mache ich einen Monat lang den Abwasch. Wenn nicht, machst du ihn.“ Lena nickte. Sie war sicher, dass sie gewinnen würde. Schließlich hatte sie selbst behauptet, sie könne jederzeit aufhören.
(2) Der Montag war leicht. In der Schule durfte sie ihr Handy ohnehin nicht benutzen, und am Nachmittag hatte sie Training. Erst abends merkte sie, wie oft ihre Hand zur Hosentasche wanderte. Die Tasche war leer. Sie las in einem Buch, das seit Wochen auf ihrem Schreibtisch lag, und schlief früher ein als sonst.
(3) Am Mittwoch wurde es schwieriger. In der Pause redeten alle über ein Video, das Lena nicht kannte. Sie lachte mit, damit niemand etwas merkte. Auf dem Heimweg fragte ihre Freundin Sara: „Kommst du am Samstag?“ Lena wusste nicht, wovon Sara sprach. Die Einladung zu Saras Geburtstag war am Montagabend im Gruppenchat verschickt worden. „Ich habe dir doch geschrieben“, sagte Sara gekränkt. „Du hast nicht einmal geantwortet.“
(4) Zu Hause stand Lena lange vor Tims Zimmer. Nur einmal kurz nachsehen, dachte sie. Dann fiel ihr ein, dass sie Sara auch anrufen konnte, mit dem Festnetztelefon ihrer Eltern, über das sonst nur die Oma anrief. Sara war überrascht, aber die beiden redeten fast eine Stunde. Am Ende sagte Sara: „Irgendwie ist das schöner als Nachrichten.“
(5) Am Sonntagabend holte Tim das Handy aus der Schublade. „Gewonnen“, sagte er widerwillig. „Ich spüle ab Montag.“ Lena schaltete das Handy ein. Es vibrierte immer weiter: 312 neue Nachrichten. Sie überflog die ersten zwanzig. Fast keine davon war noch wichtig.
(6) „Und?“, fragte Tim. „Bist du froh, dass du es wiederhast?“ Lena zuckte mit den Schultern. Dann stellte sie das Handy auf lautlos und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch. „Du musst den Abwasch nicht machen“, sagte sie. „Aber nächste Woche bist du dran. Sieben Tage ohne.“ Tim stöhnte.
Der zweite Text: Kannitverstan
Diese Kalendergeschichte brauchst du für die Übungen in dieser und den nächsten Lektionen. Sie ist über 200 Jahre alt. Lies sie langsam und kläre unbekannte Wörter.

Johann Peter Hebel: Kannitverstan (1808)
Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen, so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herum fliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrthum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntniß. Denn als er in diese große und reiche Handels-Stadt, voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen, gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von Duttlingen bis nach Amsterdam noch keines erlebt hatte. Lange betrachtete er mit Verwunderung dieß kostbare Gebäude, die 6 Camine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Thür. Endlich konnte er sich nicht entbrechen, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund, redete er ihn an, könnt ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkoien?“ – Der Mann aber, der vermuthlich etwas wichtigeres zu thun hatte, und zum Unglück gerade so viel von der deutschen Sprache verstand, als der Fragende von der holländischen, nemlich Nichts, sagte kurz und schnauzig: Kannitverstan; und schnurrte vorüber. Dieß war ein holländisches Wort, oder drey, wenn mans recht betrachtet, und heißt auf deutsch soviel, als: Ich kann euch nicht verstehn. Aber der gute Fremdling glaubte, es sey der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muß ein grundreicher Mann seyn, der Herr Kannitverstan, dachte er, und gieng weiter. Gaß aus Gaß ein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt: Het Ey, oder auf deutsch: das Ypsilon. Da stand nun Schiff an Schiff, und Mastbaum an Mastbaum; und er wußte anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwey einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war, und jezt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt, und Fässer voll Zucker und Caffee, voll Reis und Pfeffer, und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehn hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraus trug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waaren an das Land bringe. „Kannitverstan,“ war die Antwort. Da dachte er: Haha, schauts da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichthümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen, und solcherley Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben. Jezt gieng er wieder zurück, und stellte eine recht traurige Betrachtung bey sich selbst an, was er für ein armer Mensch sey unter so viel reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: Wenn ichs doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke, und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Todten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in schwarze Mäntel, und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jezt ergriff unsern Fremdling ein wehmüthiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den Lezten vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel, und bat ihn treuherzig um Excüse. „Das muß wohl auch ein guter Freund von euch gewesen seyn, sagte er, dem das Glöcklein läutet, daß ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht.“ Kannitverstan! war die Antwort. Da fielen unserm guten Duttlinger ein paar große Thränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. Armer Kannitverstan, rief er aus, was hast du nun von allem deinem Reichthum? Was ich einst von meiner Armuth auch bekomme: ein Todtenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute. Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den vermeynten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte, und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt, als von mancher deutschen, auf die er nicht acht gab. Endlich gieng er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und, wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seyen, und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab.
Text nach „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ (1811), Quelle: Wikisource, alte Rechtschreibung. Worterklärungen: „Duttlingen“ ist Tuttlingen, „Tulipanen“ sind Tulpen, „Excüse“ heißt Entschuldigung, „Leiche“ bedeutet hier Beerdigung oder Leichenzug, „vermeynt“ heißt vermeintlich.
Beispiel 1: Erster Eindruck und W-Fragen
Erster Eindruck: Ein Mädchen verzichtet wegen einer Wette eine Woche lang auf ihr Handy und merkt, dass sie es weniger braucht als gedacht.
| W-Frage | Antwort |
|---|---|
| Wer? | Lena, ihr Bruder Tim, ihre Freundin Sara |
| Wo? | zu Hause, in der Schule, auf dem Heimweg |
| Wann? | eine Woche, von Sonntag bis Sonntag |
| Was? | Lena wettet, eine Woche ohne Handy auszukommen. Sie verpasst eine Einladung, ruft ihre Freundin an und gewinnt die Wette. |
| Warum? | Sie will beweisen, dass sie jederzeit aufhören kann. |
| Wie endet es? | Lena verzichtet auf ihren Gewinn und fordert Tim zur gleichen Probe heraus. |
Beispiel 2: Sinnabschnitte mit Überschriften
| Abschnitt | Überschrift | Stichwörter |
|---|---|---|
| Abs. 1 | Die Wette | Handy weg, eine Woche, Einsatz: ein Monat Abwasch |
| Abs. 2 | Ein leichter Anfang | Montag ohne Probleme, Griff zur Tasche, liest stattdessen |
| Abs. 3 | Lena verpasst etwas | Video unbekannt, Einladung im Chat verpasst, Sara gekränkt |
| Abs. 4 | Ein Anruf statt Nachrichten | Versuchung, ruft Sara über Festnetz an, langes Gespräch |
| Abs. 5–6 | Gewonnen und doch anders entschieden | 312 Nachrichten, fast nichts wichtig, Handy lautlos, verzichtet auf Gewinn, Gegenwette |
Die Absätze 5 und 6 bilden zusammen einen Sinnabschnitt, weil sie dieselbe Szene am Sonntagabend erzählen.
Merksatz
Eine Inhaltsangabe informiert knapp und sachlich über einen Text. Bevor du schreibst, erschließt du den Text: erster Eindruck, W-Fragen, Sinnabschnitte, Überschriften mit Stichwörtern. Ein neuer Sinnabschnitt beginnt meist, wenn sich Ort, Zeit oder Figuren ändern.
Übungen
Grundlagen
- Nenne drei Unterschiede zwischen Nacherzählung und Inhaltsangabe.
- Beantworte zu „Sieben Tage ohne“: Warum ist Sara gekränkt?
- Welcher Satz passt besser als erster Eindruck? Begründe. a) „Lena hat ein Handy und einen Bruder.“ b) „Ein Mädchen merkt bei einer Wette, dass es ohne Handy gut auskommt.“
Weiter
- Bilde aus Abschnitt 3 zwei Stichwortzeilen: Was ist wichtig, was kann wegfallen? Begründe, warum das Video weniger wichtig ist als die Einladung.
- Teile die Kalendergeschichte „Kannitverstan“ von Johann Peter Hebel (oben in dieser Lektion) in vier Sinnabschnitte und gib jedem eine Überschrift.
Knobeln
- Am Ende stöhnt Tim. Warum steht dieser kurze Satz am Schluss? Wäre er für eine Inhaltsangabe wichtig?
Lösungen
- Zum Beispiel: Die Nacherzählung steht im Präteritum, die Inhaltsangabe im Präsens. Die Nacherzählung will unterhalten, die Inhaltsangabe informieren. Die Nacherzählung enthält wörtliche Rede, die Inhaltsangabe nicht. Die Inhaltsangabe ist deutlich kürzer.
- Sara hat Lena im Gruppenchat zu ihrem Geburtstag eingeladen. Lena hat nicht geantwortet, weil sie ihr Handy nicht hatte. Sara glaubt, Lena sei die Einladung egal.
- Satz b. Er nennt die Hauptfigur, die Handlung (Wette) und das Ergebnis. Satz a nennt nur Personen und Gegenstände, aber nicht, was geschieht.
- Beispiel: „Gespräch über unbekanntes Video, Lena tut, als wüsste sie Bescheid.“ und „Einladung zu Saras Geburtstag verpasst, Sara gekränkt.“ Die Einladung ist wichtiger, weil sie die Handlung weitertreibt: Sie führt zu Lenas Versuchung und zum Anruf. Das Video zeigt nur, dass Lena etwas verpasst. Man könnte es in der Inhaltsangabe weglassen oder in einem Halbsatz erwähnen.
- Beispiel: (1) Das prächtige Haus: Ein Handwerksbursche aus Tuttlingen bewundert in Amsterdam ein Haus und erhält auf die Frage nach dem Besitzer die Antwort „Kannitverstan“. (2) Das reiche Schiff: Am Hafen fragt er nach dem Besitzer eines Schiffes und hört wieder „Kannitverstan“. Er fühlt sich arm. (3) Der Leichenzug: Er sieht eine Beerdigung, fragt nach dem Toten und hört erneut „Kannitverstan“. Er ist erschüttert. (4) Die Lehre: Er begleitet den Toten zum Grab und ist danach mit seinem eigenen Leben zufrieden. Andere sinnvolle Einteilungen sind möglich.
- Der Satz sorgt für einen humorvollen Schluss. Er zeigt, dass Tim die neue Wette fürchtet, und lässt offen, ob er sie annimmt. Für eine Inhaltsangabe ist er nicht nötig. Wichtig ist nur, dass Lena ihren Bruder zur gleichen Probe herausfordert.