Darum geht es
«Ich lerne für die Prüfung.» «Ich habe für die Prüfung gelernt.» «Ich werde für die Prüfung lernen.» Drei Sätze, drei Zeitpunkte. Das Verb zeigt an, ob etwas jetzt geschieht, schon vorbei ist oder erst noch kommt. Die deutsche Sprache hat dafür sechs Zeitformen (Fachwort: Tempus, Mehrzahl Tempora). In dieser Lektion lernst du, wie du alle sechs bildest und erkennst.
Erklärung
Einfache und zusammengesetzte Zeitformen
Zwei Zeitformen bestehen aus nur einem Wort. Man nennt sie einfache Zeitformen:
- Präsens: ich lerne, sie fährt
- Präteritum: ich lernte, sie fuhr
Vier Zeitformen werden mit einem Hilfsverb gebildet. Man nennt sie zusammengesetzte Zeitformen:
- Perfekt: Präsens von haben oder sein + Partizip II: ich habe gelernt, sie ist gefahren
- Plusquamperfekt: Präteritum von haben oder sein + Partizip II: ich hatte gelernt, sie war gefahren
- Futur I: Präsens von werden + Infinitiv: ich werde lernen, sie wird fahren
- Futur II: Präsens von werden + Partizip II + Infinitiv von haben oder sein: ich werde gelernt haben, sie wird gefahren sein
Haben oder sein?
Im Perfekt und Plusquamperfekt brauchst du entweder haben oder sein.
- Mit sein stehen vor allem Verben der Bewegung von einem Ort zum anderen (gehen, fahren, fliegen, rennen) und Verben der Zustandsveränderung (aufwachen, einschlafen, wachsen, sterben), ausserdem sein und bleiben.
- Alle anderen Verben bilden das Perfekt mit haben: ich habe gegessen, wir haben gewartet.
Im Schweizer Hochdeutsch stehen einige Verben der Körperhaltung mit sein: ich bin gesessen, ich bin gestanden, ich bin gelegen. Diese Formen sind in der Schweiz standardsprachlich korrekt. In Deutschland sagt man meist ich habe gesessen.
Wozu dienen die Zeitformen?
- Präsens: Gegenwart (Es regnet.), allgemeine Aussagen (Die Aare fliesst durch Bern.), oft auch Zukunft mit Zeitangabe (Morgen fahren wir nach Chur.).
- Präteritum: Vergangenes, vor allem in geschriebenen Erzählungen und Berichten.
- Perfekt: Vergangenes, vor allem im Gespräch und in Briefen oder Nachrichten.
- Plusquamperfekt: etwas, das vor einem anderen vergangenen Ereignis geschah.
- Futur I: Zukünftiges, Absichten, Vermutungen über die Gegenwart (Er wird wohl krank sein.).
- Futur II: etwas, das in der Zukunft abgeschlossen sein wird (Bis Freitag werde ich das Buch gelesen haben.).
Beispiele
Beispiel 1: Eine Form vollständig in alle Zeitformen setzen
Verb ankommen, 3. Person Singular, Subjekt der Zug:
| Zeitform | Form | Bauplan |
|---|---|---|
| Präsens | Der Zug kommt an. | eine Form, Verbzusatz am Satzende |
| Präteritum | Der Zug kam an. | eine Form, starkes Verb |
| Perfekt | Der Zug ist angekommen. | sein (Ortswechsel) + Partizip II |
| Plusquamperfekt | Der Zug war angekommen. | war + Partizip II |
| Futur I | Der Zug wird ankommen. | wird + Infinitiv |
| Futur II | Der Zug wird angekommen sein. | wird + Partizip II + sein |
Beispiel 2: Zeitform bestimmen
Satz: «Als wir in Zermatt ankamen, hatte es schon geschneit.»
- ankamen: eine Form, Vergangenheitsstamm kam: Präteritum.
- hatte geschneit: Präteritum von haben + Partizip II: Plusquamperfekt. Der Schnee fiel, bevor die Gruppe ankam. Darum steht dieser Teil eine Stufe weiter in der Vergangenheit.
Merksatz
Es gibt sechs Zeitformen. Präsens und Präteritum bestehen aus einem Wort. Perfekt und Plusquamperfekt bildest du mit haben oder sein und dem Partizip II, Futur I mit werden und dem Infinitiv, Futur II mit werden, dem Partizip II und haben oder sein.
Übungen
Grundlagen
- Bestimme die Zeitform. a) Die Klasse hatte das Znüni vergessen. b) Wir werden um acht Uhr losfahren. c) Der Hauswart schloss die Turnhalle ab. d) Ich bin den ganzen Nachmittag im Garten gelegen.
- Setze den Satz «Mia schreibt eine Bewerbung» in alle sechs Zeitformen.
Weiter
- haben oder sein? Bilde das Perfekt: Wir (wandern) auf den Säntis. Ich (vergessen) meinen Schlüssel. Das Kind (einschlafen). Die Velos (stehen) vor der Schule.
- Bestimme beide Zeitformen und erkläre, warum sie verschieden sind: «Nachdem Jonas die Prüfung bestanden hatte, feierte er mit seiner Familie.»
Knobeln
- Der Satz «Morgen fahre ich nach Basel» steht im Präsens, meint aber die Zukunft. Woran erkennst du das? Finde zwei weitere Beispiele.
- «Er wird den Termin vergessen haben.» Dieser Satz kann eine Zukunft meinen oder eine Vermutung über die Vergangenheit. Erkläre beide Bedeutungen.
Lösungen
- a) Plusquamperfekt (hatte vergessen). b) Futur I (werden losfahren). c) Präteritum (schloss ab). d) Perfekt (bin gelegen, in der Schweiz mit sein).
- Präsens: Mia schreibt eine Bewerbung. Präteritum: Mia schrieb eine Bewerbung. Perfekt: Mia hat eine Bewerbung geschrieben. Plusquamperfekt: Mia hatte eine Bewerbung geschrieben. Futur I: Mia wird eine Bewerbung schreiben. Futur II: Mia wird eine Bewerbung geschrieben haben.
- Wir sind auf den Säntis gewandert (Ortswechsel). Ich habe meinen Schlüssel vergessen. Das Kind ist eingeschlafen (Zustandsveränderung). Die Velos sind vor der Schule gestanden (Schweizer Standard; in Deutschland: haben gestanden).
- bestanden hatte ist Plusquamperfekt, feierte ist Präteritum. Die Prüfung war vor dem Feiern. Das frühere Ereignis steht im Plusquamperfekt, das spätere im Präteritum.
- Die Zeitangabe morgen zeigt die Zukunft an. Beispiele: «Nächste Woche beginnt das Lager.» «Am Samstag spielen wir gegen Wil.»
- Zukunft: Zu einem späteren Zeitpunkt wird er den Termin vergessen haben (zum Beispiel: «Bis Montag wird er den Termin vergessen haben»). Vermutung: Man nimmt an, dass er den Termin schon vergessen hat («Er ist nicht gekommen. Er wird den Termin vergessen haben.»).