Zum Inhalt springen

Aus der Vorlage Kurzgeschichten untersuchen: Kurzgeschichte, Kalendergeschichte, Parabel

Merkmale einer Kurzgeschichte an «Gleis 3»

Lektion 1 von 5

Darum geht es

Manche Geschichten sind nach zwei Minuten fertig gelesen und beschäftigen dich trotzdem den ganzen Tag. Sie beginnen mitten im Geschehen, erklären fast nichts und hören auf, bevor du alles weisst. Das ist kein Zufall. So sind Kurzgeschichten gebaut. In dieser Lektion liest du eine Kurzgeschichte, die für diesen Kurs geschrieben wurde, und lernst, an welchen Merkmalen du die Textsorte erkennst.

Die Geschichte: «Gleis 3»

Lies die Geschichte zweimal: einmal am Stück, dann langsam mit dem Stift in der Hand. Die Zahlen in Klammern sind Absatznummern. Mit ihnen kannst du Stellen genau angeben.

Gleis 3

(1) Um 17.04 Uhr stand Sara auf Gleis 3 und schaute auf ihre Hände. Unter den Fingernägeln war noch Erde. Drei Tage lang hatte sie in der Gärtnerei Setzlinge pikiert, Töpfe geschleppt und Kundinnen den Weg zu den Kräutern gezeigt.

(2) Ihr Handy vibrierte. «Und?», schrieb die Mutter. Dahinter ein Daumen, dann ein Fragezeichen.

(3) Sara tippte: «Gut.» Sie löschte es. Sie tippte: «Die wollen jemanden mit Sek A.» Sie löschte auch das.

(4) Neben ihr sass ein alter Mann auf der Bank. Er hatte ein Gipfeli in der Hand und zerbröselte es langsam über dem Boden. Die Spatzen kamen von überall her, hüpften zwischen seinen Schuhen herum und stritten sich um die grössten Brocken.

(5) «Die kommen jeden Tag», sagte der Mann, ohne aufzusehen. «Um fünf. Pünktlicher als die SBB.»

(6) Sara lächelte nicht. Sie dachte an Frau Brunner, die Berufsbildnerin, wie sie am Nachmittag den Bewertungsbogen ausgefüllt hatte. Bei «Zuverlässigkeit» hatte sie lange gezögert. Dann hatte sie gesagt: «Du hast ein gutes Händchen für Pflanzen. Aber im Moment haben wir für den August schon jemanden.»

(7) Im Moment.

(8) Ein Spatz landete auf Saras Schuh. Er war kleiner als die anderen und hatte nichts erwischt. Sara blieb ganz still. Der Vogel pickte an ihrem Schuhbändel, als wäre dort etwas zu holen.

(9) «Der Kleine kommt immer zu spät», sagte der Mann. «Aber er kommt immer.» Er warf einen Krümel genau vor den Schuh.

(10) Die S-Bahn fuhr ein. Die Türen öffneten sich, Leute stiegen aus, Leute stiegen ein.

(11) Sara nahm das Handy hervor. Sie schrieb: «Ich rufe Frau Brunner am Montag nochmals an.» Sie schickte es ab.

(12) Dann stieg sie ein. Der Spatz flog auf, als sich die Türen schlossen.

Erklärung

Was ist eine Kurzgeschichte?

Die Kurzgeschichte ist eine kurze Erzählung über einen Ausschnitt aus dem Alltag. Die Gattung kam aus der amerikanischen short story und wurde im deutschsprachigen Raum nach 1945 sehr wichtig. Nicht jede Kurzgeschichte hat alle Merkmale, aber die meisten treffen zu.

MerkmalWas heisst das?
unvermittelter AnfangKeine Einleitung. Du bist sofort mitten in der Situation.
kurze erzählte ZeitErzählt wird nur ein kurzer Ausschnitt, oft wenige Minuten oder Stunden.
Alltagsfiguren und AlltagssituationGewöhnliche Menschen, keine Heldinnen und Helden. Die Figuren werden kaum beschrieben.
WendepunktEin Moment, in dem sich etwas für die Hauptfigur verändert, oft nur innerlich.
offenes EndeDie Geschichte hört auf, ohne dass alles geklärt ist. Du denkst weiter.
LeerstellenWichtiges wird nicht gesagt. Du musst es aus Andeutungen erschliessen.
knappe AlltagsspracheKurze Sätze, Dialoge, wenig Ausschmückung. Dinge können eine tiefere Bedeutung haben (Symbol).

Leerstellen und Symbole

Eine Leerstelle ist eine Lücke, die der Text absichtlich offenlässt. In «Gleis 3» steht nirgends: «Sara war enttäuscht, weil sie die Lehrstelle nicht bekommen hat.» Du schliesst es aus den gelöschten Nachrichten und aus Frau Brunners Satz.

Ein Symbol ist ein Gegenstand oder Lebewesen, das über sich hinausweist. Der kleine Spatz ist zuerst einfach ein Vogel. Durch die Worte des Mannes («Der Kleine kommt immer zu spät. Aber er kommt immer.») bekommt er eine zweite Bedeutung.

Beispiele

Beispiel 1: Merkmale am Text nachweisen

MerkmalBeleg in «Gleis 3»
unvermittelter Anfang«Um 17.04 Uhr stand Sara auf Gleis 3 …» (Abs. 1): Wir erfahren nicht, wer Sara ist oder wo der Bahnhof liegt.
kurze erzählte ZeitErzählt werden die wenigen Minuten bis zur Abfahrt der S-Bahn (Abs. 1 bis 12).
AlltagssituationWarten auf dem Bahnhof nach einer Schnupperlehre.
WendepunktAbs. 9: Der Satz des Mannes über den kleinen Spatz. Danach handelt Sara (Abs. 11).
offenes EndeWir wissen nicht, ob Sara die Lehrstelle bekommt.
knappe SpracheDer Ein-Satz-Absatz «Im Moment.» (Abs. 7).

Beispiel 2: Eine Leerstelle füllen

Frage: Warum löscht Sara ihre Nachrichten (Abs. 3)?

Antwort: «Gut» wäre gelogen. Der zweite Satz nennt einen Grund, der vielleicht gar nicht stimmt: Frau Brunner sagt nichts über die Abteilung der Sekundarschule. Sara findet offenbar noch keine Worte für das, was passiert ist. Die gelöschten Sätze zeigen ihre Unsicherheit und ihre Enttäuschung, ohne dass diese Gefühle genannt werden.

Merksatz

Eine Kurzgeschichte erzählt einen kurzen Ausschnitt aus dem Alltag. Typisch sind ein unvermittelter Anfang, ein Wendepunkt, ein offenes Ende, Leerstellen und eine knappe Sprache. Merkmale weist du immer mit einem Beleg und einer Absatzangabe nach.

Übungen

Grundlagen

  1. Nenne die Hauptfigur und beschreibe die Situation in zwei Sätzen.
  2. Welche Figuren kommen in der Geschichte vor? Welche ist nur in Saras Erinnerung anwesend?

Weiter

  1. Erkläre, was der Satz «Im Moment.» (Abs. 7) bedeutet. Warum steht er allein in einem Absatz?
  2. Was erfährst du über Frau Brunners Einschätzung von Sara? Belege mit dem Text.

Knobeln

  1. Deute den kleinen Spatz als Symbol. Was hat er mit Sara zu tun?
  2. Schreib einen Absatz 13, der die Geschichte geschlossen beenden würde. Erkläre danach, warum die Geschichte mit Absatz 12 besser endet.

Lösungen

  1. Hauptfigur ist Sara, eine Schülerin der Sekundarschule. Nach drei Tagen Schnupperlehre in einer Gärtnerei wartet sie auf dem Bahnhof auf die S-Bahn und weiss nicht, was sie ihrer Mutter schreiben soll.
  2. Sara, der alte Mann, die Mutter (nur über Nachrichten) und Frau Brunner (nur in Saras Erinnerung, Abs. 6).
  3. Sara wiederholt in Gedanken zwei Wörter aus Frau Brunners Absage. Sie zeigen, dass die Absage vielleicht nicht endgültig ist. Der eigene Absatz hebt den Satz hervor. Er wirkt wie ein Gedanke, an dem Sara hängen bleibt.
  4. Frau Brunner lobt Sara («ein gutes Händchen für Pflanzen», Abs. 6), zögert aber bei der Zuverlässigkeit. Sie sagt, sie hätten «im Moment» schon jemanden. Ihre Einschätzung ist also gemischt.
  5. Der Spatz ist kleiner als die anderen, hat nichts erwischt und kommt «immer zu spät», gibt aber nicht auf (Abs. 8 und 9). So geht es Sara: Andere haben die Lehrstelle schneller bekommen. Der Satz des Mannes ermutigt sie indirekt, es weiter zu versuchen. Danach schreibt sie, dass sie nochmals anruft.
  6. Individuelle Lösung, zum Beispiel ein Anruf am Montag mit Zusage. Ein geschlossenes Ende nimmt den Leserinnen und Lesern das Weiterdenken ab. Die Geschichte will nicht zeigen, ob Sara die Stelle bekommt, sondern den Moment, in dem sie wieder Mut fasst.

Zur Vorlage: Kurzgeschichten untersuchen: Kurzgeschichte, Kalendergeschichte, Parabel

Die Vorlage in Ihrem Kurs

Mit einem kostenlosen Konto übernehmen Sie die Vorlage als eigenen Kurs.