Darum geht es
Der folgende Text hat nur drei Sätze. Trotzdem streiten Leserinnen und Leser seit fast hundert Jahren darüber, was er bedeutet. Er stammt von Franz Kafka (1883 bis 1924), einem Schriftsteller aus Prag, dessen Texte oft rätselhaft wirken. Hier lernst du, wie man mit einem solchen Text umgeht: eine Deutung aufstellen, sie am Text belegen und im Gespräch mit anderen prüfen. Dabei merkst du, dass ein literarischer Text mehrere richtige Lesarten haben kann, aber nicht beliebig viele.

Der Text: «Kleine Fabel» (um 1920)
»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.
Franz Kafka: Kleine Fabel. Entstanden 1920, erstmals veröffentlicht 1931. Textgrundlage: Projekt Gutenberg. Der Text ist gemeinfrei. Im Original steht das Eszett. Wenn du zitierst, schreibst du nach Schweizer Regel ss.
Erklärung
Fabel oder Parabel?
Eine Fabel ist eine kurze Erzählung, in der Tiere wie Menschen sprechen und handeln. Am Ende steht meist eine klare Lehre. Kafkas Text sieht aus wie eine Fabel, verweigert aber die eindeutige Lehre. Darum liest man ihn oft als Parabel: einen Gleichnistext, bei dem du die Bildebene (Maus, Katze, Mauern, Falle) selbst auf eine Sachebene übertragen musst.
Eine Deutung aufbauen
- Erster Eindruck: Was fällt dir auf? Was irritiert dich? Notiere Fragen.
- Textbeobachtungen sammeln: Wer spricht? Wie verändert sich die Welt der Maus? Welche Wörter sind auffällig?
- Deutungshypothese formulieren: ein Satz, der sagt, worum es im Text deiner Meinung nach geht. Formuliere vorsichtig: «Der Text lässt sich lesen als …»
- Belegen im Dreischritt: Behauptung, Zitat, Erklärung.
- Prüfen: Passt die Hypothese zu allen Teilen des Textes? Was spricht dagegen?
Das literarische Gespräch
In einem literarischen Gespräch sprecht ihr in der Gruppe über einen Text. Es geht nicht darum, die eine richtige Lösung zu finden. Ihr formuliert euer Verstehen, auch euer Nicht-Verstehen, bezieht euch auf Textstellen und hört auf andere Lesarten. Hilfreiche Satzanfänge:
- «Mir ist aufgefallen, dass …»
- «Ich verstehe nicht, warum …»
- «Ich lese die Stelle anders. Für mich bedeutet …»
- «Kannst du zeigen, wo im Text das steht?»
Beispiele
Beispiel 1: Textbeobachtungen
- Die Maus spricht fast den ganzen Text. Die Katze hat nur einen Satz.
- Die Welt der Maus verändert sich: zuerst «so breit, dass ich Angst hatte», dann Mauern, dann das «letzte Zimmer», dann die Falle. Der Raum wird immer enger.
- Die Maus beschreibt die Mauern, als ob sie sich bewegen würden («eilen … aufeinander zu»). In Wahrheit läuft sie selbst.
- Der Rat der Katze klingt vernünftig, aber hinter der Maus wartet die Katze selbst. Die Maus hat keine echte Wahl.
- Der letzte Satz ist kurz und brutal: «und frass sie».
Beispiel 2: Deutungshypothese und Dreischritt
Hypothese: Der Text lässt sich lesen als Bild für ein Leben, in dem man vor der Freiheit Angst hat, sich in Sicherheit begibt und am Ende keinen Ausweg mehr findet.
Absatz im Dreischritt:
Die Maus fürchtet sich zuerst vor der Weite der Welt (Behauptung). Sie sagt, die Welt sei «so breit» gewesen, dass sie «Angst hatte», und sie sei «glücklich» gewesen, als sie endlich «Mauern sah» (Zitat). Die Mauern stehen hier für Sicherheit und Orientierung. Die Maus wählt diese Sicherheit freiwillig. Gerade dadurch läuft sie in die Enge, aus der es keinen Ausweg mehr gibt (Erklärung).
Andere mögliche Lesarten, die sich ebenfalls am Text belegen lassen: der Text als Bild für das Älterwerden, bei dem die Möglichkeiten weniger werden; oder als Bild für eine Situation, in der jeder Ausweg in eine andere Gefahr führt. Nicht belegen lässt sich dagegen zum Beispiel: «Der Text zeigt, dass Katzen gefährlich sind.» Das bleibt an der Bildebene hängen.
Merksatz
Rätselhafte Texte deutest du mit einer Deutungshypothese, die du am Text belegst (Behauptung, Zitat, Erklärung). Ein literarischer Text kann mehrere Lesarten haben. Jede muss sich aber auf Textstellen stützen. Im literarischen Gespräch formulierst du dein Verstehen und dein Nicht-Verstehen und prüfst andere Lesarten.
Übungen
Grundlagen
- Beschreibe in eigenen Worten, wie sich der Raum der Maus verändert. Nenne die vier Stufen.
- Wer hat im Text mehr Worte, die Maus oder die Katze? Was könnte das bedeuten?
Weiter
- Untersuche den Satz der Katze: «Du musst nur die Laufrichtung ändern». Warum ist dieser Rat zugleich richtig und zynisch?
- Schreib einen Absatz im Dreischritt zur Rolle der Katze.
Knobeln
- Formuliere eine eigene Deutungshypothese, die sich von der im Beispiel unterscheidet, und belege sie mit zwei Zitaten.
- Bereitet in einer Vierergruppe ein literarisches Gespräch von zehn Minuten vor. Jede Person bringt eine Frage zum Text mit, die sie wirklich nicht beantworten kann. Haltet am Schluss fest, welche Lesarten ihr gefunden habt und welche Frage offengeblieben ist.
Lösungen
- Zuerst ist die Welt so weit, dass die Maus Angst hat. Dann sieht sie Mauern rechts und links. Die Mauern rücken zusammen, bis sie im «letzten Zimmer» ist. Dort steht im Winkel die Falle.
- Die Maus spricht fast den ganzen Text, die Katze nur einen kurzen Satz. Die Maus klagt und erklärt, die Katze handelt. Das zeigt die Machtverhältnisse: Wer wenig redet, hat hier die Macht.
- Richtig ist der Rat, weil die Maus vor der Falle tatsächlich umkehren müsste. Zynisch ist er, weil die Katze genau in der anderen Richtung wartet und die Maus sofort frisst. Der Rat ist also keine Hilfe, sondern führt direkt in die zweite Gefahr.
- Zum Beispiel: Die Katze gibt sich als Ratgeberin, ist aber die eigentliche Bedrohung (Behauptung). Sie sagt freundlich: «Du musst nur die Laufrichtung ändern», und frisst die Maus im selben Satz (Zitat). Der scheinbar hilfreiche Rat und die Tat stehen direkt nebeneinander. So wird deutlich, dass die Maus aus ihrer Lage nicht entkommen kann, egal wohin sie läuft (Erklärung).
- Individuelle Lösung. Beispiel: «Der Text lässt sich lesen als Bild für einen Menschen, der seine Lage immer nur beklagt, statt früh zu handeln.» Belege: «Ach», «die Welt wird enger mit jedem Tag», «die Falle, in die ich laufe» (die Maus sieht die Falle und läuft trotzdem weiter).
- Individuelle Lösung. Achtet darauf, dass jede Lesart mit einer Textstelle verbunden ist und dass ihr offene Fragen auch offenlassen dürft.