Darum geht es
Vor gut 200 Jahren lasen viele Familien im Jahr nur ein einziges Buch neben der Bibel: den Kalender. Darin standen Mondphasen, Markttage und kurze Geschichten zum Vorlesen am Abend. Der bekannteste Kalendermacher war Johann Peter Hebel. Er wurde 1760 in Basel geboren und schrieb für den «Rheinländischen Hausfreund» Geschichten, die bis heute gelesen werden. Eine davon erzählt in wenigen Minuten Lesezeit von fünfzig Jahren Warten. Du liest sie in dieser Lektion und vergleichst sie mit der Kurzgeschichte.

Der Text: «Unverhofftes Wiedersehen» (1811)
Der Text ist gemeinfrei und hier vollständig abgedruckt, in der Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals. Du findest darum ältere Schreibungen wie Thränen oder säeten und das Eszett, das in der Schweiz nicht verwendet wird. Wenn du in deinem eigenen Text zitierst, schreibst du nach Schweizer Regel ss: küsste, lass. Ein paar Wörter, die heute fremd sind: Sankt Luciä ist der Luzia-Tag am 13. Dezember. ausrufen heisst hier, ein Brautpaar in der Kirche bekannt geben. Eisenvitriol ist ein Mineralsalz, das den Körper erhalten hat. Gefreundte sind Verwandte. gerüstet heisst bereit.
In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr: »Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein.« – »Und Friede und Liebe soll darin wohnen,« sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln, »denn du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein, als an einem anderen Ort.« Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer zum zweitenmal in der Kirche ausgerufen hatte: »So nun jemand Hindernisse wüßte anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammen kommen,« da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den anderen Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie säumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergaß ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und Polen wurde geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner-Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.
Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten eine Oeffnung durchgraben wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war, also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte, »es ist mein Verlobter,« sagte sie endlich, »um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer herauf gekommen.« Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Thränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den anderen Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein auf, legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: »Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch ein wenig zu thun und komme bald, und bald wird's wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweitenmal auch nicht behalten,« sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute.
Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen. Aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811. Textgrundlage: Projekt Gutenberg.
Erklärung
Was ist eine Kalendergeschichte?
Die Kalendergeschichte ist eine kurze Erzählung, die ursprünglich in Volkskalendern erschien. Sie wollte unterhalten und belehren zugleich. Typisch sind:
- ein Erzähler, der sich zeigt: Er kommentiert, wertet und spricht manchmal die Lesenden direkt an (auktoriales Erzählverhalten),
- eine überraschende oder merkwürdige Begebenheit, oft «nach einer wahren Geschichte»,
- eine Lehre oder ein Gedanke zum Nachdenken, manchmal ausgesprochen, manchmal nur angedeutet,
- eine einfache, bildhafte Sprache, die man gut vorlesen kann.
Zeitgestaltung: fünfzig Jahre in einem Absatz
Hebels Geschichte ist berühmt für ihren Zeitraffer. Zwischen dem Unglück und dem Fund vergehen fünfzig Jahre. Hebel erzählt sie, indem er Ereignisse der Weltgeschichte aneinanderreiht: das Erdbeben von Lissabon (1755), den Siebenjährigen Krieg, die Teilung Polens, die Französische Revolution. Danach folgt Alltägliches: «die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte …». Die lange Reihe mit «und» lässt die Zeit förmlich vorbeiziehen. Im Gegensatz dazu wird die Wiederbegegnung am Ende ausführlich und langsam erzählt (zeitdehnend).
Kurzgeschichte und Kalendergeschichte im Vergleich
| Kurzgeschichte («Gleis 3») | Kalendergeschichte («Unverhofftes Wiedersehen») | |
|---|---|---|
| Entstehung | vor allem 20. und 21. Jahrhundert | vor allem 18. und 19. Jahrhundert, in Kalendern |
| Erzähler | personal oder neutral, zurückhaltend | auktorial, kommentiert und wertet |
| Anfang | unvermittelt | mit Ort und Zeit («In Falun in Schweden …») |
| erzählte Zeit | wenige Minuten | über fünfzig Jahre |
| Ende | offen | abgeschlossen, mit einem Gedanken zum Nachdenken |
Beispiele
Beispiel 1: Den Erzähler erkennen
«der Bergmann hat sein Totenkleid immer an»: Hier unterbricht der Erzähler die Handlung mit einem eigenen Kommentar im Präsens. Er deutet an, dass der Beruf gefährlich ist, und bereitet so das Unglück vor. Das ist auktoriales Erzählen.
«aber keinen guten Abend mehr»: Mit diesem knappen Gegensatz zum «guten Morgen» teilt der Erzähler den Tod des Bergmanns mit, ohne ihn auszusprechen. Er weiss mehr als die Braut in diesem Moment.
Beispiel 2: Eine Figur über ihre Sprechweise erschliessen
Die alte Frau sagt am Grab: «Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitbett, und lass dir die Zeit nicht lang werden.»
- Sie spricht mit dem Toten wie mit einem Lebenden, liebevoll und ruhig.
- Sie nennt das Grab «Hochzeitbett»: Für sie ist die Beerdigung die nachgeholte Hochzeit. Dazu passt, dass sie ihm das Halstuch umlegt und ihr Sonntagsgewand trägt.
- «noch einen Tag oder zehn»: Sie rechnet mit ihrem eigenen baldigen Tod und hat keine Angst davor.
Die Sprechweise zeigt eine Frau, die fünfzig Jahre treu geblieben ist und ihren Frieden gefunden hat.
Merksatz
Eine Kalendergeschichte erzählt eine merkwürdige Begebenheit, will unterhalten und belehren und hat meist einen auktorialen Erzähler, der kommentiert. In «Unverhofftes Wiedersehen» rafft Hebel fünfzig Jahre mit Ereignissen der Weltgeschichte in wenige Sätze und dehnt dafür den Moment des Wiedersehens.
Übungen
Grundlagen
- Fasse die Handlung in vier bis fünf Sätzen zusammen (Präsens).
- Erkläre den Titel: Warum ist das Wiedersehen «unverhofft»?
Weiter
- Suche zwei Stellen, an denen der Erzähler kommentiert oder mehr weiss als die Figuren. Zitiere sie und erkläre.
- Das schwarze Halstuch kommt zweimal vor. Wo und mit welcher Bedeutung?
Knobeln
- Der Satz «Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweitenmal auch nicht behalten» steht ganz am Schluss. Was meint die Frau damit? Welche Haltung zum Tod zeigt sich darin?
- Die Geschichte beruht auf einem echten Fund in Falun im Jahr 1719. Hebel verlegt ihn ins Jahr 1809. Überlege: Warum braucht er gerade diese fünfzig Jahre mit Lissabon, Revolution und Krieg?
Lösungen
- Zum Beispiel: In Falun verloben sich ein junger Bergmann und seine Braut. Kurz vor der Hochzeit verunglückt er im Bergwerk und kehrt nicht zurück. Die Braut trauert und vergisst ihn nie. Fünfzig Jahre später finden Bergleute seinen unversehrten Leichnam. Die alte Frau erkennt ihn, legt ihm das Halstuch um, das sie für die Hochzeit genäht hatte, und begleitet ihn wie zur Hochzeit zum Grab.
- Niemand rechnet nach fünfzig Jahren damit, den Bergmann noch einmal zu sehen. Auch die Braut hatte diese Hoffnung nicht. Dass er unverändert aus dem Berg kommt, ist eine unerwartete Wiederbegegnung.
- Zum Beispiel: «der Bergmann hat sein Totenkleid immer an» (Kommentar im Präsens über alle Bergleute); «da meldete sich der Tod» (der Erzähler kündigt das Unglück an, bevor die Figuren davon wissen); «aber keinen guten Abend mehr» (Vorausdeutung).
- Am Anfang säumt die Braut das Halstuch «für ihn zum Hochzeittag» und legt es weg, als er nicht zurückkommt. Am Ende legt sie es ihm im Grab um. Es verbindet Anfang und Ende und steht für die Hochzeit, die nie stattfand, und für ihre Treue.
- Die Erde hat den Bergmann einmal zurückgegeben, sie wird ihn bei der Auferstehung wieder hergeben. Die Frau glaubt, dass sie ihn bald wiedersieht. Sie hat keine Angst vor dem Tod, sondern Vertrauen und Hoffnung. Darum spricht sie vom «Hochzeitbett» und davon, dass es «bald wieder Tag» wird.
- Die grossen Ereignisse zeigen, wie viel in der Welt geschieht und vergeht, während die Liebe der Frau gleich bleibt. Kriege, Kaiser und Revolutionen sind vorbei, ihre Treue nicht. Der Kontrast macht die Länge der Zeit spürbar und hebt die Beständigkeit der Liebe hervor.