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Aus der Vorlage Kurzgeschichten untersuchen: Kurzgeschichte, Kalendergeschichte, Parabel

Erzähler und Erzählperspektive bestimmen

Lektion 2 von 5

Darum geht es

Stell dir vor, «Gleis 3» würde so beginnen: «Ich stand auf Gleis 3 und schaute auf meine Hände.» Oder so: «Der alte Herr Huber fütterte wie jeden Tag die Spatzen, als ein Mädchen neben ihm stehen blieb.» Es wäre dieselbe Handlung, aber eine ganz andere Geschichte. Wer erzählt, aus wessen Sicht und wie schnell: Das entscheidet, wie eine Geschichte wirkt. In dieser Lektion lernst du die Fachbegriffe dafür und wendest sie auf «Gleis 3» an.

Erklärung

Autor und Erzähler

Der Autor oder die Autorin ist der Mensch, der den Text geschrieben hat. Der Erzähler oder die Erzählerin ist die Stimme im Text, die erzählt. Sie ist erfunden, genau wie die Figuren. Schreib in einer Analyse darum «Der Erzähler berichtet …» und nicht «Die Autorin sagt …».

Erzählform

  • Ich-Erzählform: Eine Figur erzählt selbst: «Ich stand auf Gleis 3.»
  • Er-/Sie-Erzählform: Jemand ausserhalb der Handlung erzählt über die Figuren: «Sara stand auf Gleis 3.»

Erzählverhalten (Perspektive)

ErzählverhaltenMerkmaletypische Signale
auktorialDer Erzähler weiss mehr als die Figuren, kennt Vergangenheit und Zukunft, kommentiert und wertet.«Sie ahnte nicht, dass …», direkte Ansprache der Lesenden
personalErzählt wird nah an einer Figur. Wir sehen, was sie sieht, und erfahren, was sie denkt. Kommentare fehlen.Gedanken einer Figur, Wahrnehmungen, keine Wertung
neutralDer Erzähler berichtet nur Äusseres wie eine Kamera, ohne Gedanken.viel Dialog, keine Innensicht

Darbietungsformen

  • Erzählerbericht: Der Erzähler berichtet Handlung: «Die S-Bahn fuhr ein.»
  • Figurenrede: Figuren sprechen in direkter Rede: «Die kommen jeden Tag», sagte der Mann.
  • Gedankenwiedergabe: Gedanken einer Figur, zum Beispiel als innerer Monolog in der Ich-Form oder knapp wie «Im Moment.»

Zeitgestaltung

  • Erzählzeit: wie lange das Lesen dauert.
  • Erzählte Zeit: wie lange die Handlung dauert.
  • Zeitdeckend: Erzählzeit und erzählte Zeit sind etwa gleich lang (typisch bei Dialogen).
  • Zeitraffend: In kurzer Erzählzeit vergeht viel Zeit («Drei Tage lang hatte sie …»).
  • Zeitdehnend: Ein kurzer Moment wird ausführlich erzählt.
  • Rückblende: Ein früheres Ereignis wird eingeschoben, im Deutschen oft im Plusquamperfekt.

Wie Figuren sprechen

Die Sprechweise einer Figur verrät viel: Wortwahl, Satzlänge, ob jemand fragt, befiehlt oder schweigt. Der alte Mann spricht in kurzen, ruhigen Sätzen und schaut dabei nicht auf. Das wirkt gelassen und ein wenig weise.

Beispiele

Beispiel 1: Erzählform und Erzählverhalten in «Gleis 3»

  • Erzählform: Er-/Sie-Erzählform («Sara tippte …», Abs. 3).
  • Erzählverhalten: personal. Wir sehen die Szene mit Saras Augen und erfahren ihre Gedanken (Abs. 6: «Sie dachte an Frau Brunner …»). Was der alte Mann denkt, erfahren wir nicht. Der Erzähler kommentiert nichts. Er sagt nie, wie Sara sich fühlt, sondern zeigt es durch ihr Verhalten.
  • Wirkung: Wir sind ganz nah bei Sara und müssen ihre Gefühle selbst erschliessen. Das verstärkt die Leerstellen.

Beispiel 2: Zeitgestaltung untersuchen

  • Erzählte Zeit: einige Minuten auf dem Bahnhof.
  • Abs. 1: «Drei Tage lang hatte sie …» ist zeitraffend und eine kurze Rückblende im Plusquamperfekt.
  • Abs. 6: Rückblende auf das Gespräch am Nachmittag (hatte ausgefüllt, hatte gezögert).
  • Abs. 5 und 9: Dialoge, zeitdeckend.
  • Abs. 8: Der Spatz auf dem Schuh wird langsam erzählt, fast zeitdehnend. Das hebt den Wendepunkt hervor.

Merksatz

Unterscheide Autorin oder Autor und Erzähler. Bestimme die Erzählform (Ich oder Er/Sie), das Erzählverhalten (auktorial, personal, neutral), die Darbietungsformen und die Zeitgestaltung. Beschreib immer auch die Wirkung.

Übungen

Grundlagen

  1. Bestimme die Darbietungsform: a) «Ihr Handy vibrierte.» b) «Der Kleine kommt immer zu spät», sagte der Mann. c) «Im Moment.»
  2. Bestimme Erzählform und Erzählverhalten: «Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mein Herz klopfte.»

Weiter

  1. Schreib Abs. 3 und 4 in der Ich-Erzählform. Was verändert sich in der Wirkung?
  2. Beschreib die Sprechweise des alten Mannes (Abs. 5 und 9) und was sie über ihn verrät.

Knobeln

  1. Schreib Abs. 8 und 9 aus auktorialer Sicht neu. Der Erzähler darf kommentieren und mehr wissen als Sara. Vergleiche die Wirkung mit dem Original.
  2. Warum hat die Autorin oder der Autor wohl das personale Erzählverhalten gewählt? Begründe mit zwei Gedanken.

Lösungen

  1. a) Erzählerbericht. b) Figurenrede (direkte Rede). c) Gedankenwiedergabe (Saras Gedanke).
  2. Ich-Erzählform. Das Erzählverhalten ist personal: Wir erfahren Gedanken und Gefühle der erzählenden Figur, ohne Überblick von aussen.
  3. Zum Beispiel: «Ich tippte: ‹Gut.› Ich löschte es. … Neben mir sass ein alter Mann auf der Bank.» Die Ich-Form wirkt noch persönlicher und unmittelbarer. Gleichzeitig erwartet man eher, dass Sara ihre Gefühle direkt ausspricht.
  4. Er spricht in kurzen, einfachen Sätzen, schaut dabei nicht auf und macht einen kleinen Witz über die SBB. Er wirkt ruhig, freundlich und erfahren. Er gibt keinen direkten Rat, sondern spricht nur über die Vögel. So kann Sara seine Worte selbst auf sich beziehen.
  5. Zum Beispiel: «Ein Spatz, der kleinste von allen, landete auf Saras Schuh. Sara ahnte nicht, dass dieser Vogel ihr gleich mehr Mut machen würde als jedes Gespräch mit ihrer Mutter.» Der auktoriale Kommentar nimmt die Deutung vorweg. Im Original müssen die Lesenden selbst darauf kommen. Das wirkt stärker.
  6. Erstens erleben wir die Enttäuschung nah mit Sara und fühlen mit. Zweitens erfahren wir nur, was Sara wahrnimmt. Ihre Gefühle bleiben unausgesprochen, und die Leerstellen fordern zum Mitdenken auf.

Zur Vorlage: Kurzgeschichten untersuchen: Kurzgeschichte, Kalendergeschichte, Parabel

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