Darum geht es
Du hast drei sehr verschiedene kurze Erzähltexte untersucht: eine Kurzgeschichte von heute, eine Kalendergeschichte von 1811 und eine Parabel von Kafka. Jetzt drehst du die Rolle um. Du schreibst selbst eine Kurzgeschichte nach dem Muster, das du kennst. Wer einmal selbst eine Leerstelle gebaut hat, erkennt sie danach in jedem Text. Am Schluss der Lektion prüfst du dein Wissen mit einem Übungsmix.
Erklärung
Eine Kurzgeschichte planen
- Situation wählen: ein kurzer Moment aus dem Alltag, in dem für eine Figur etwas auf dem Spiel steht. Beispiele: das Warten auf eine Prüfungsnote, ein Streit im Gruppenchat, der letzte Abend vor dem Umzug, eine Begegnung im Postauto.
- Hauptfigur festlegen: Was will sie? Was fürchtet sie? Du schreibst das nicht in die Geschichte, aber du musst es wissen.
- Wendepunkt planen: Was verändert sich, oft nur im Kopf der Figur? Ein Satz, ein Blick, ein Gegenstand kann genügen.
- Erzählform und Perspektive wählen: Ich-Form oder Er-/Sie-Form, meist personal.
- Leerstellen bauen: Entscheide, was du nicht sagst. Zeig Gefühle durch Handlungen, Dinge und Dialoge.
Schreiben: zeigen statt erklären
| Erklären (vermeiden) | Zeigen (besser) |
|---|---|
| Lina war sehr nervös. | Lina drehte den Kugelschreiber zwischen den Fingern, bis die Mine herausfiel. |
| Er war traurig, weil sein Grossvater gestorben war. | Er stellte die zweite Tasse zurück in den Schrank. |
| Sie freute sich riesig. | Sie las die Nachricht dreimal, dann ein viertes Mal. |
Sprache und Form
- Anfang: mitten hinein, ohne Vorstellung der Figur.
- Sätze: eher kurz, ein Satz allein in einem Absatz kann wirken wie ein Herzschlag.
- Zeitform: Präteritum als Grundzeitform, Rückblenden im Plusquamperfekt.
- Symbol: Wähle einen Gegenstand, der zweimal vorkommt und dabei seine Bedeutung verändert.
- Ende: offen, aber nicht abgebrochen. Die Figur hat etwas erlebt oder verstanden.
Beispiele
Beispiel 1: Planungsnotizen
- Situation: Jan wartet vor dem Zimmer seiner Klassenlehrerin auf das Gespräch über seine Mathematiknote.
- Was er will: Er möchte in die Abteilung A wechseln. Was er fürchtet: dass sein Vater enttäuscht ist.
- Gegenstand: ein zerknitterter Zettel mit Notizen vom Vater, was er sagen soll.
- Wendepunkt: Die Klassenlehrerin fragt: «Und was möchtest du selbst?»
- Ende: Jan steckt den Zettel ungelesen ein und beginnt zu sprechen.
- Leerstelle: Wir erfahren nicht, was er sagt.
Beispiel 2: Ein Anfang, zweimal
Schwach: «Es war ein Mittwoch im März. Jan war vierzehn Jahre alt und ging in die zweite Sek. Er hatte Angst vor einem Gespräch.»
Stärker: «Der Zettel in Jans Hosentasche war schon ganz weich. Er hatte ihn seit dem Morgen viermal auseinandergefaltet.»
Der zweite Anfang setzt mitten ein, zeigt die Nervosität über einen Gegenstand und macht neugierig.
Merksatz
Für eine eigene Kurzgeschichte wählst du einen Alltagsmoment, eine Figur mit einem Wunsch und einen Wendepunkt. Du zeigst Gefühle durch Handlungen, Dinge und Dialoge, statt sie zu erklären, und lässt bewusst Leerstellen.
Übungen
Übungsmix: Kurzgeschichte, Kalendergeschichte, Parabel
Grundlagen
- Ordne zu: Welche Merkmale gehören zur Kurzgeschichte, welche zur Kalendergeschichte? a) auktorialer Erzähler, der kommentiert b) offenes Ende c) unvermittelter Anfang d) Lehre zum Nachdenken e) erschien ursprünglich in Volkskalendern
- Erkläre die Begriffe Erzählzeit und erzählte Zeit am Beispiel von «Unverhofftes Wiedersehen».
Weiter
- Verwandle die drei Sätze in «zeigende» Sätze: a) Mira war wütend. b) Der Hauswart war unfreundlich. c) Die Klasse war gespannt.
- Schreib den Anfang (drei bis vier Sätze) einer Kurzgeschichte zur Situation «letzter Abend vor dem Umzug in einen anderen Kanton».
Knobeln
- Vergleiche das Ende von «Gleis 3» mit dem Ende der «Kleinen Fabel». Beide sind kurz. Worin unterscheidet sich ihre Wirkung?
- Schreib eine vollständige Kurzgeschichte (300 bis 450 Wörter) zu einer selbst gewählten Alltagssituation. Prüfe sie danach mit der Checkliste unten.
Checkliste für deine Kurzgeschichte
- Der Anfang setzt mitten in der Situation ein.
- Die erzählte Zeit ist kurz.
- Es gibt einen Wendepunkt.
- Gefühle werden gezeigt, nicht erklärt.
- Mindestens eine Leerstelle lädt zum Nachdenken ein.
- Ein Gegenstand oder Bild hat eine zweite Bedeutung.
- Grundzeitform Präteritum, Rückblenden im Plusquamperfekt.
- Das Ende ist offen, aber nicht abgebrochen.
Lösungen
- Kurzgeschichte: b, c. Kalendergeschichte: a, d, e.
- Die Erzählzeit, also die Lesezeit, beträgt nur wenige Minuten. Die erzählte Zeit umfasst über fünfzig Jahre, vom Unglück bis zur Beerdigung. Der Abschnitt mit den Weltereignissen rafft diese Zeit stark.
- Zum Beispiel: a) Mira knallte die Zimmertüre zu, dass das Bild an der Wand schief hing. b) Der Hauswart zeigte nur mit dem Kinn auf das Schild «Velos verboten» und ging weiter. c) In der Klasse war es so still, dass man die Uhr über der Wandtafel ticken hörte.
- Zum Beispiel: «Die Kartonschachteln standen bis unter die Fensterbank. Auf der obersten stand mit schwarzem Filzstift ‹Küche, zerbrechlich›. Elena sass auf der Matratze ohne Bettgestell und scrollte durch die Fotos des letzten Sommers am See.»
- In «Gleis 3» bleibt offen, ob Sara die Lehrstelle bekommt, aber die Figur hat einen Schritt nach vorn gemacht. Das Ende wirkt hoffnungsvoll. In der «Kleinen Fabel» ist das Ende geschlossen und endgültig: Die Katze frisst die Maus. Es wirkt hart und verstörend und zwingt zum Nachdenken über die Bedeutung.
- Individuelle Lösung. Prüfe mit der Checkliste.