Darum geht es
Jetzt fügst du alles zusammen. In dieser Lektion liest du eine vollständige Musterinterpretation zu „Kakao“. Danach prüfst du mit einer Checkliste, was eine gute Interpretation ausmacht, lernst die häufigsten Fehler kennen und übst an einer neuen Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert.
Erklärung
Checkliste für deine Interpretation
| Bereich | Prüffrage |
|---|---|
| Einleitung | Basissatz vollständig? Deutungshypothese, die mehr ist als das Thema? |
| Inhalt | Inhaltsangabe nur, wenn verlangt, und dann kurz und im Präsens? |
| Analyse | Mindestens drei Gesichtspunkte (zum Beispiel Aufbau, Figuren, Erzählweise, Sprache)? |
| Dreischritt | Jede Aussage mit Beleg und Deutung? |
| Zitate | Anführungszeichen, Zeilen- oder Absatzangabe, Auslassungen in eckigen Klammern? |
| Fachbegriffe | richtig verwendet: Erzählperspektive, Leerstelle, Symbol, Wendepunkt …? |
| Schluss | Hypothese überprüft, Gesamtdeutung, eventuell Bezug zur Lebenswelt? |
| Sprache | Präsens, sachlich, Erzähler statt Autor, keine Umgangssprache? |
Die fünf häufigsten Fehler
- Nacherzählen statt deuten: Der Hauptteil wiederholt die Handlung.
- Zitat ohne Deutung: Ein Zitat steht da, aber es wird nicht erklärt, was es zeigt.
- Fachbegriff ohne Wirkung: „Das ist eine Personifikation.“ Und dann?
- Autor und Erzähler verwechseln: „Borchert sieht zwei krumme Beine.“
- Deutung ohne Textbezug: Vermutungen, die sich nicht am Text belegen lassen.
Beispiele
Musterinterpretation zu „Kakao“
Einleitung: In der Kurzgeschichte „Kakao“ der Seven Assistant Redaktion trifft sich ein Mädchen an einer Autobahnraststätte mit seinem Vater, der seit der Trennung der Eltern nicht mehr bei der Familie lebt. Die Geschichte zeigt, wie fremd sich Vater und Tochter geworden sind und wie Mira ihren Vater schont, indem sie ihm sein altes Bild von ihr lässt.
Aufbau: Die Geschichte setzt unvermittelt ein: „Der Vater stellte den Becher vor sie hin“ (Abs. 1). Ort und Anlass erfährt man erst nach und nach. Die erzählte Zeit umfasst nur wenige Minuten, Rückblenden in den Sommer der Trennung und in einen Urlaub öffnen aber den Blick auf Jahre (Abs. 6 f.). Der Wendepunkt kommt, als das Auto der Mutter „Zu früh“ (Abs. 9) erscheint und der Vater bemerkt, dass Mira nichts getrunken hat. Jetzt muss sie sich entscheiden.
Figuren: Der Vater bemüht sich um seine Tochter, aber er kennt sie nicht mehr. Er weiß genau, wie alt sie im Urlaub in Österreich war, fragt sie aber, „ob sie sich schon auf die Sechste freue“ (Abs. 8). Seine Erinnerung ist bei der Zeit vor der Trennung stehen geblieben. Mira ist verschlossen und beobachtet genau. Sie fragt nicht nach der neuen Jacke (Abs. 3) und verschweigt, dass sie keinen Kakao mehr trinkt (Abs. 6). Ihr Schweigen ist Selbstschutz, aber auch Rücksicht.
Erzählweise und Symbol: Erzählt wird personal aus Miras Sicht. Ihre Gedanken erscheinen oft als erlebte Rede („Er wusste das noch.“, Abs. 8), die des Vaters bleiben verborgen. So entsteht dieselbe Distanz für die Leserin oder den Leser, die zwischen den beiden Figuren herrscht. Im Mittelpunkt steht der Kakao. Er ist ein Symbol für die Kindheit vor der Trennung, für das Bild, das der Vater von seiner Tochter hat. Dass Mira ihn am Ende trinkt, obwohl er „lauwarm und viel zu süß“ (Abs. 10) ist, zeigt ihre Entscheidung: Sie nimmt dem Vater diese Vorstellung nicht.
Sprache: Die Sätze sind kurz, die Dialoge knapp: „Und, Schule?“ „Geht.“ (Abs. 4). Die Figuren reden aneinander vorbei. Der Vergleich der Eltern mit „Nachbarn, die einander kaum kennen“ (Abs. 5) zeigt die Kälte nach der Trennung, ohne sie auszusprechen.
Schluss: Die Hypothese bestätigt sich. Das Leitmotiv „Wie immer“ rahmt die Geschichte: Am Anfang meint der Vater es ernst (Abs. 1), am Ende sagt Mira dieselben Worte (Abs. 11), obwohl nichts mehr ist wie immer. Der Schluss bleibt offen. Ob Mira irgendwann die Wahrheit sagt, erfahren wir nicht. Die Geschichte zeigt, dass Rücksicht und Entfremdung nah beieinander liegen können, eine Erfahrung, die viele Kinder getrennter Eltern kennen.
Diese Interpretation hat etwa 400 Wörter. Die Zwischenüberschriften helfen hier beim Lesen. In der Klassenarbeit schreibst du stattdessen Absätze mit Überleitungen.
Übungstext
Wolfgang Borchert: Die Küchenuhr (1947)
(1) Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, daß er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, was er in der Hand trug.
(2) Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne saßen. Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben.
(3) Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab.
(4) Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das weiß ich auch. Und sie ist auch nicht so besonders schön. Sie ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack. Aber die blauen Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind natürlich nur aus Blech. Und nun gehen sie auch nicht mehr. Nein. Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht mehr geht.
(5) Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist übriggeblieben.
(6) Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an. Einer sah auf seine Schuhe und die Frau sah in ihren Kinderwagen. Dann sagte jemand:
(7) Sie haben wohl alles verloren?
(8) Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie hier, sie ist übrig. Und er hob die Uhr wieder hoch, als ob die anderen sie noch nicht kannten.
(9) Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.
(10) Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl. Aber sonst ist sie doch noch ganz wie immer: weiß und blau. Und wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das Schönste ist, fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt nicht erzählt. Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie mal, sie ist um halb drei stehengeblieben. Ausgerechnet um halb drei, denken Sie mal.
(11) Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen, sagte der Mann und schob wichtig die Unterlippe vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.
(12) Er sah seine Uhr an und schüttelte überlegen den Kopf. Nein, lieber Herr, nein, da irren Sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den Bomben reden. Nein. Um halb drei war ganz etwas anderes, das wissen Sie nur nicht. Das ist nämlich der Witz, daß sie gerade um halb drei stehengeblieben ist. Und nicht um viertel nach vier oder um sieben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.
(13) Er sah die anderen an, aber die hatten ihre Augen von ihm weggenommen. Er fand sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu: Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr? Und ich ging immer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei. Und dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so leise die Tür aufmachen, sie hat mich immer gehört. Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht.
(14) So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie immer die Füße aneinander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhe zog sie nachts nie an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann hörte ich sie noch die Teller wegsetzen, wenn ich in meinem Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte. Jede Nacht war es so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz selbstverständlich, fand ich, daß sie mir nachts um halb drei in der Küche das Essen machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat das ja immer. Und sie hat nie mehr gesagt als: So spät wieder. Aber das sagte sie jedesmal. Und ich dachte, das könnte nie aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles war doch immer so gewesen.
(15) Einen Atemzug lang war es ganz still auf der Bank. Dann sagte er leise: Und jetzt? Er sah die anderen an. Aber er fand sie nicht. Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Gesicht: Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das richtige Paradies.
(16) Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und Ihre Familie?
(17) Er lächelte sie verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern? Ja, die sind auch mit weg. Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich vor. Alles weg.
(18) Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen ihn nicht an.
(19) Da hob er wieder die Uhr hoch und er lachte. Er lachte: Nur sie hier. Sie ist übrig. Und das Schönste ist ja, daß sie ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.
(20) Dann sagte er nichts mehr. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht. Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er sah seine Schuhe nicht. Er dachte immerzu an das Wort Paradies.
Text nach „An diesem Dienstag“ (Projekt Gutenberg), alte Rechtschreibung, Absätze nummeriert.
Merksatz
Prüfe deine Interpretation mit der Checkliste. Vermeide die fünf häufigsten Fehler: Nacherzählen, Zitate ohne Deutung, Fachbegriffe ohne Wirkung, Autor statt Erzähler und Deutung ohne Beleg.
Übungen
Grundlagen
- Selbsttest: Ordne jeden Begriff einer Erklärung zu: Leerstelle, Wendepunkt, personales Erzählen, Leitmotiv. Erklärungen: a) wiederkehrendes Wort oder Bild, b) etwas, das der Text offenlässt, c) Moment, in dem sich die Lage ändert, d) Erzählen aus der Sicht einer Figur.
- Finde in der Musterinterpretation je ein Beispiel für den Dreischritt Behauptung, Beleg, Deutung.
Weiter
- Verbessere diesen Schülersatz: „Borchert schreibt, dass die Ratten nachts schlafen. Das ist gelogen.“
- Lies Wolfgang Borcherts „Die Küchenuhr“ (Übungstext oben). Formuliere einen Basissatz und eine Deutungshypothese.
Knobeln
- Schreib eine eigene Interpretation zu „Die Küchenuhr“ (400 bis 600 Wörter). Prüfe sie danach mit der Checkliste.
Lösungen
- Leerstelle: b. Wendepunkt: c. Personales Erzählen: d. Leitmotiv: a.
- Zum Beispiel aus dem Absatz „Figuren“: Behauptung: „Der Vater bemüht sich um seine Tochter, aber er kennt sie nicht mehr.“ Beleg: „ob sie sich schon auf die Sechste freue“ (Abs. 8). Deutung: „Seine Erinnerung ist bei der Zeit vor der Trennung stehen geblieben.“
- Zum Beispiel: „Der alte Mann behauptet: ‚Nachts schlafen die Ratten doch.‘ Diese Notlüge soll dem erschöpften Jürgen die Angst nehmen, damit er nach Hause geht und schläft.“ Verbessert wurden: Erzähler bzw. Figur statt Autor, Zitat mit Anführungszeichen, Deutung der Lüge statt bloßer Feststellung.
- Zum Beispiel: „In der Kurzgeschichte ‚Die Küchenuhr‘ von Wolfgang Borchert aus dem Jahr 1947 erzählt ein junger Mann Fremden auf einer Bank von der Küchenuhr, die als einziges aus seinem zerbombten Elternhaus übrig geblieben ist. Die Geschichte zeigt, dass ihm die stehen gebliebene Uhr die Erinnerung an die Geborgenheit bei seiner Mutter bewahrt, die er erst nach ihrem Verlust als ‚das Paradies‘ erkennt.“
- Individuelle Lösung. Eine gute Interpretation untersucht zum Beispiel die Uhr als Symbol (sie ist um halb drei stehen geblieben, also zu der Uhrzeit, zu der die Mutter ihm nachts das Essen warm machte), die Wiederholungen in der Rede des jungen Mannes, die Reaktionen der Zuhörenden auf der Bank und den Begriff „Paradies“. Prüfe deinen Text mit der Checkliste.