Darum geht es
Eine Kurzgeschichte ist nicht einfach eine kurze Geschichte. Ein Märchen kann auch kurz sein, ein Witz ebenso. Kurzgeschichten haben eine eigene Art zu erzählen: Sie springen mitten in eine Situation, verraten wenig und hören oft auf, bevor alles geklärt ist. Genau das macht sie spannend, aber auch schwer zu verstehen. Lies zuerst die folgende Kurzgeschichte. Mit ihr arbeitest du in der ganzen Reihe.
Der Text
Kakao (Text: Seven Assistant Redaktion)
(1) Der Vater stellte den Becher vor sie hin, noch bevor sie sich gesetzt hatte. „Mit Sahne“, sagte er. „Wie immer.“
(2) Mira sah auf den Becher. Die Sahne sank langsam in sich zusammen. Draußen auf dem Parkplatz der Raststätte liefen zwei Kinder um einen Lastwagen herum. Ihre Mutter rief etwas, das man durch die Scheibe nicht hörte. „Danke“, sagte Mira.
(3) Er setzte sich ihr gegenüber und rührte in seinem Kaffee, obwohl er keinen Zucker nahm. Seine Jacke war neu. Sie roch noch nach dem Laden. Mira fragte nicht, wer sie ausgesucht hatte.
(4) „Und, Schule?“, fragte er. „Geht.“ „Mathe immer noch?“ „Ich bin jetzt gut in Mathe.“ „Ach ja?“ Er lächelte und nickte, als hätte sie einen Witz gemacht. „Das hast du von mir.“
(5) Sie hatten noch zwanzig Minuten. Um vier würde ihre Mutter auf der anderen Seite des Parkplatzes halten, wie jeden zweiten Sonntag. Ihr Vater würde die Tasche bis zum Auto tragen, ihre Mutter würde nicht aussteigen. Dann würden beide kurz die Hand heben wie Nachbarn, die einander kaum kennen.
(6) Mira zog den Becher zu sich heran. Sie trank seit über einem Jahr keinen Kakao mehr. Seit dem Sommer, in dem sie zwölf geworden war. In dem Sommer, in dem er ausgezogen war. Sie hatte es ihm nie gesagt. Erst hatte es keine Gelegenheit gegeben, und dann war es zu spät, es zu sagen, ohne dass es nach mehr klang.
(7) „Weißt du noch, die Raststätte bei Kassel?“, fragte er. „Da hast du dir den ganzen Kakao über die Hose gekippt. Du hast geheult, als wäre die Welt untergegangen.“ „Ich war sechs.“ „Sieben“, sagte er. „Das war der Urlaub in Österreich.“
(8) Er wusste das noch. Er wusste, in welchem Jahr sie in Österreich gewesen waren und an welcher Raststätte sie den Kakao verschüttet hatte. Er wusste nicht, in welche Klasse sie ging. Am Telefon hatte er sie letzte Woche gefragt, ob sie sich schon auf die Sechste freue.
(9) Draußen fuhr ein silbernes Auto auf den Parkplatz. Mira erkannte es an der Delle im Kotflügel. Zu früh. Ihr Vater hatte es auch gesehen. Er sah auf die Uhr und dann auf den Becher. „Du hast ja gar nichts getrunken.“
(10) Mira sah ihn an. An seinen Schläfen waren die Haare grau geworden. Vielleicht waren sie das schon länger. Sie nahm den Becher in beide Hände. Der Kakao war lauwarm und viel zu süß. Sie trank ihn aus, bis auf den letzten Schluck.
(11) „Gut?“, fragte er. „Wie immer“, sagte Mira.
Erklärung
Typische Merkmale
| Merkmal | Was das bedeutet |
|---|---|
| unvermittelter Anfang | Keine Einleitung. Die Handlung beginnt mitten in einer Situation. |
| offenes Ende | Die Geschichte bricht ab. Wie es weitergeht, bleibt offen. |
| Alltag | Gewöhnliche Menschen in gewöhnlichen Situationen, oft ohne Namen oder nur mit Vornamen |
| kurze erzählte Zeit | Oft nur Minuten oder Stunden, ein Ausschnitt aus einem Leben |
| Wendepunkt | Ein Moment, in dem sich etwas ändert, oft nur im Inneren einer Figur |
| Leerstellen | Wichtiges wird nicht gesagt, sondern nur angedeutet. Die Leserin oder der Leser muss es erschließen. |
| Alltagssprache | knappe Sätze, wenig Ausschmückung, Dialoge wie im echten Leben |
| Symbole und Leitmotive | Gegenstände oder Sätze, die mehr bedeuten, als sie sagen, und oft wiederkehren |
Nicht jede Kurzgeschichte hat alle Merkmale. Entscheidend ist, dass du die Merkmale am Text nachweist.
Woher die Kurzgeschichte kommt
Die deutsche Kurzgeschichte entstand vor allem nach 1945. Autoren wie Wolfgang Borchert und Heinrich Böll orientierten sich an der amerikanischen „short story“. Sie erzählten knapp und ohne Pathos vom Leben in zerstörten Städten. Die Literatur dieser Jahre (etwa 1945 bis 1950) heißt Trümmerliteratur. Dazu gehören nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch Gedichte, Hörspiele und Dramen. Die Kurzgeschichte war aber eine ihrer wichtigsten Formen.
Beispiele
Beispiel 1: Unvermittelter Anfang
„Der Vater stellte den Becher vor sie hin“ (Abs. 1): Wir erfahren nicht, wer „sie“ ist, wo wir sind und warum. Der bestimmte Artikel „Der Vater“, „den Becher“ tut so, als wüssten wir schon Bescheid. Den Ort (Raststätte) erfahren wir erst in Absatz 2, den Anlass (Übergabe an die Mutter) erst in Absatz 5.
Beispiel 2: Leerstellen
Die Geschichte sagt nie, dass sich Miras Eltern getrennt haben. Trotzdem verstehen wir es:
- „wie jeden zweiten Sonntag“ (Abs. 5): eine geregelte Besuchszeit,
- „In dem Sommer, in dem er ausgezogen war“ (Abs. 6),
- Die Eltern grüßen sich „wie Nachbarn, die einander kaum kennen“ (Abs. 5).
Eine weitere Leerstelle ist die neue Jacke: „Mira fragte nicht, wer sie ausgesucht hatte“ (Abs. 3). Das deutet an, dass es im Leben des Vaters vielleicht eine neue Partnerin gibt. Sicher ist das nicht.
Merksatz
Eine Kurzgeschichte zeigt einen kurzen Ausschnitt aus dem Alltag gewöhnlicher Menschen. Typisch sind ein unvermittelter Anfang, ein offenes Ende, ein Wendepunkt, Leerstellen und eine knappe Alltagssprache. Merkmale musst du immer mit Textstellen belegen.
Übungen
Grundlagen
- Wie lange dauert die Handlung von „Kakao“? Belege mit dem Text.
- Weise drei Merkmale einer Kurzgeschichte an „Kakao“ nach. Gib jeweils eine Textstelle mit Absatz an.
Weiter
- Finde eine weitere Leerstelle im Text und erkläre, was sie andeutet.
- Wo liegt der Wendepunkt der Geschichte? Begründe.
Knobeln
- Der Satz „Wie immer“ steht am Anfang und am Ende. Vergleiche, wer ihn sagt und was er jeweils bedeutet.
Lösungen
- Etwa zwanzig Minuten oder weniger: „Sie hatten noch zwanzig Minuten“ (Abs. 5). Das Auto der Mutter kommt sogar „Zu früh“ (Abs. 9).
- Zum Beispiel: unvermittelter Anfang („Der Vater stellte den Becher vor sie hin“, Abs. 1), Alltag (Treffen an einer Raststätte, Gespräch über die Schule, Abs. 2 und 4), offenes Ende (Mira antwortet „Wie immer“, Abs. 11, wir erfahren nicht, wie es weitergeht), knappe Dialoge („Und, Schule?“ „Geht.“, Abs. 4).
- Zum Beispiel: Die Mutter „würde nicht aussteigen“ (Abs. 5). Das zeigt, dass die Eltern sich aus dem Weg gehen und das Verhältnis kühl oder belastet ist. Oder: Mira schweigt seit einem Jahr über den Kakao, „ohne dass es nach mehr klang“ (Abs. 6). Das deutet an, dass der Kakao für mehr steht als ein Getränk, nämlich für die Veränderungen seit der Trennung.
- Der Wendepunkt liegt in Absatz 9 und 10. Als das Auto der Mutter zu früh kommt und der Vater bemerkt, dass Mira nichts getrunken hat, muss sie sich entscheiden: die Wahrheit sagen oder schweigen. Sie trinkt den Kakao, obwohl er ihr nicht schmeckt. Sie entscheidet sich also, ihrem Vater sein Bild von ihr zu lassen.
- Am Anfang sagt der Vater „Wie immer“ (Abs. 1). Er meint es ehrlich: Er glaubt, seine Tochter liebe Kakao wie früher. Am Ende sagt Mira „Wie immer“ (Abs. 11). Bei ihr ist der Satz doppeldeutig. Für den Vater klingt er wie Zustimmung. Wir wissen aber, dass nichts mehr wie immer ist. Der Satz zeigt, dass Mira den Vater schont und zugleich etwas für sich behält. Weil der Satz am Anfang und am Ende steht, bildet er einen Rahmen. Da er wiederkehrt und die Geschichte zusammenhält, kann man ihn zugleich als Leitmotiv bezeichnen.