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Aus der Vorlage Kurzgeschichten analysieren und interpretieren

Einen Interpretationsaufsatz schreiben und richtig zitieren

Lektion 4 von 5

Darum geht es

In der Klassenarbeit heißt es oft: „Interpretiere die Kurzgeschichte.“ Viele schreiben dann eine lange Nacherzählung mit ein paar Fachbegriffen. Das reicht nicht. Eine Interpretation stellt eine Deutung auf und beweist sie am Text, Schritt für Schritt, mit Zitaten. In dieser Lektion lernst du, wie ein Interpretationsaufsatz aufgebaut ist und wie du richtig zitierst.

Erklärung

Der Aufbau

Interaktive Grafik

Einleitung: Sie besteht aus dem Basissatz (Textsorte, Titel, Autor, Jahr, Thema) und einer Deutungshypothese. Das ist deine Vermutung, worum es in der Geschichte eigentlich geht. Sie ist mehr als das Thema: Sie sagt, was der Text zeigen will.

Hauptteil: Hier untersuchst du den Text unter verschiedenen Gesichtspunkten. Jede Aussage folgt dem Dreischritt:

  1. Behauptung: Was fällt auf?
  2. Beleg: Zitat mit Zeilenangabe.
  3. Deutung: Was bedeutet das? Welche Wirkung hat es?

Schluss: Du prüfst, ob sich deine Hypothese bestätigt hat, fasst die Deutung zusammen und kannst einen Bezug herstellen, etwa zur Entstehungszeit oder zu deinem eigenen Leben.

Der ganze Aufsatz steht im Präsens.

Richtig zitieren

RegelBeispiel
Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen, mit Zeilenangabe.„Sie trank seit über einem Jahr keinen Kakao mehr“ (Z. 21).
Über zwei Zeilen: „f.“, über mehr: Bereich(Z. 21 f.), (Z. 21–24)
Auslassungen markierst du mit eckigen Klammern.„Er wusste das noch. […] Er wusste nicht, in welche Klasse sie ging“ (Z. 29–32).
Änderungen, damit das Zitat in deinen Satz passt, stehen in eckigen Klammern.Mira merkt, dass ihr Vater nicht weiß, „in welche Klasse sie [geht]“ (Z. 31).
Sinngemäße Belege ohne Anführungszeichen mit „vgl.“Der Vater kennt Miras Klasse nicht (vgl. Z. 32 f.).

Bau Zitate in deine eigenen Sätze ein. Ein Zitat darf nie allein stehen, ohne dass du es deutest.

In dieser Reihe sind die Texte nach Absätzen nummeriert. In der Klassenarbeit haben Texte meist Zeilennummern. Die Zeilenangaben in der Tabelle sind Beispiele für eine solche Fassung von „Kakao“.

Beispiele

Beispiel 1: Einleitung zu „Kakao“

In der Kurzgeschichte „Kakao“ der Seven Assistant Redaktion trifft sich ein Mädchen nach der Trennung der Eltern mit seinem Vater an einer Raststätte. Die Geschichte zeigt, wie fremd sich Vater und Tochter geworden sind und dass Mira ihren Vater schont, indem sie ihm sein altes Bild von ihr lässt.

Der erste Satz ist der Basissatz. Der zweite ist die Deutungshypothese.

Beispiel 2: Ein Absatz im Dreischritt

Behauptung: Der Vater hält an einem veralteten Bild seiner Tochter fest. Beleg: Er erinnert sich genau an einen Urlaub, als Mira sieben war, und weiß, an welcher Raststätte sie damals Kakao verschüttet hat (Abs. 7 f.). Dagegen fragt er sie am Telefon, „ob sie sich schon auf die Sechste freue“ (Abs. 8). Deutung: Der Gegensatz zeigt, dass seine Erinnerungen in der Zeit vor der Trennung stehen geblieben sind. Er kennt die Tochter von früher besser als die von heute. Der Kakao „[m]it Sahne“, „[w]ie immer“ (Abs. 1) gehört zu diesem alten Bild und wird so zum Symbol für die verlorene gemeinsame Zeit.

Im fertigen Aufsatz schreibst du die Wörter „Behauptung“, „Beleg“ und „Deutung“ natürlich nicht hin.

Beispiel 3: Ein schwacher und ein starker Satz

Schwach:

Im Text steht eine Metapher: „Die Schuttwüste döste.“

Stark:

Schon der erste Absatz macht die Zerstörung spürbar: Die Personifikation „Die Schuttwüste döste“ lässt die Trümmerlandschaft müde und leblos erscheinen, als sei die Stadt selbst erschöpft vom Krieg.

Der schwache Satz benennt nur, und zwar ungenau: Die Personifikation ist zwar eine Sonderform der Metapher, aber der genauere Begriff ist hier „Personifikation“. Der starke Satz benennt richtig, belegt und deutet.

Merksatz

Eine Interpretation beginnt mit Basissatz und Deutungshypothese. Im Hauptteil belegst du jede Aussage im Dreischritt: Behauptung, Beleg, Deutung. Zitate stehen in Anführungszeichen mit Zeilenangabe, Auslassungen und Änderungen in eckigen Klammern. Der Schluss prüft die Hypothese. Alles steht im Präsens.

Übungen

Grundlagen

  1. Formuliere eine Deutungshypothese zu „Nachts schlafen die Ratten doch“.
  2. Korrigiere die Zitierfehler: Der Vater sagt Mit Sahne, wie immer (Absatz eins). Mira denkt: „Zu früh“.

Weiter

  1. Schreib einen Absatz im Dreischritt zur Erzählperspektive von „Kakao“.
  2. Schreib einen Absatz im Dreischritt zum alten Mann in „Nachts schlafen die Ratten doch“. Nutze Lektion 3.

Knobeln

  1. Prüfe die folgende Deutungshypothese und verbessere sie: „Die Geschichte ‚Kakao‘ zeigt, dass Kakao ungesund ist, weil er zu süß ist.“

Lösungen

  1. Zum Beispiel: „Die Kurzgeschichte zeigt, wie ein alter Mann einem Kind, das im Krieg seinen Bruder verloren hat, mit einer gutgemeinten Lüge die Angst nimmt und ihm einen Weg zurück ins Leben eröffnet.“
  2. Der Vater sagt: „Mit Sahne […]. Wie immer“ (Abs. 1). Mira denkt: „Zu früh“ (Abs. 9). Fehler: fehlende Anführungszeichen, Auslassung nicht markiert, Absatzangabe fehlt oder ist ausgeschrieben statt in Klammern.
  3. Zum Beispiel: „Die Geschichte wird von einem Er-/Sie-Erzähler personal aus Miras Sicht erzählt. Wir erfahren ihre Gedanken, oft als erlebte Rede wie ‚Er wusste das noch.‘ (Abs. 8), während der Vater nur von außen beschrieben wird: ‚Er sah auf die Uhr und dann auf den Becher‘ (Abs. 9). Dadurch teilt die Leserin oder der Leser Miras Schweigen. Was der Vater denkt und ob er etwas ahnt, bleibt eine Leerstelle. So wird die Fremdheit zwischen beiden auch in der Erzählweise spürbar.“
  4. Zum Beispiel: „Der alte Mann handelt fürsorglich, obwohl er Jürgen nicht kennt. Als er erfährt, dass der Junge seinen toten Bruder vor den Ratten schützen will, antwortet er: ‚Nachts schlafen die Ratten doch.‘ Diese Notlüge nimmt Jürgen die Angst, ohne seine Treue zum Bruder abzuwerten. Indem der Mann ihm zusätzlich ein Kaninchen in Aussicht stellt, lenkt er Jürgens Blick vom Tod auf das Leben. Der Mann verkörpert damit die Menschlichkeit, die in der zerstörten Welt noch möglich ist.“
  5. Die Hypothese bleibt bei der wörtlichen Ebene stehen und übersieht, dass der Kakao ein Symbol ist. Verbessert: „Die Geschichte zeigt am Beispiel eines Bechers Kakao, wie fremd sich ein Vater und seine Tochter nach der Trennung geworden sind und wie die Tochter ihn schont, indem sie seine Vorstellung von ihr nicht zerstört.“

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