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Aus der Vorlage Kurzgeschichten analysieren und interpretieren

Erzähler, Erzählperspektive und Zeitgestaltung

Lektion 2 von 5

Darum geht es

Stell dir dieselbe Szene zweimal gefilmt vor: einmal mit einer Kamera, die über dem Parkplatz schwebt und alles zeigt, einmal mit einer Kamera auf Miras Schulter. Im zweiten Film sehen wir nur, was sie sieht, und wir ahnen, was sie denkt. Texte funktionieren ähnlich. Wer erzählt und aus welcher Sicht, entscheidet darüber, was wir erfahren und was verborgen bleibt. In dieser Lektion lernst du die Fachbegriffe dafür und untersuchst, wie in Kurzgeschichten mit der Zeit umgegangen wird.

Der zweite Text

Neben „Kakao“ untersuchst du ab jetzt eine berühmte Kurzgeschichte aus der Nachkriegszeit. Sie spielt in einer von Bomben zerstörten Stadt.

Wolfgang Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch (1947)

(1) Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

(2) Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, daß jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie mich! dachte er. Aber als er ein bißchen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor ihm, daß er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an den Fingerspitzen.

(3) Du schläfst hier wohl, was? fragte der Mann und sah von oben auf das Haargestrüpp herunter. Jürgen blinzelte zwischen den Beinen des Mannes hindurch in die Sonne und sagte: Nein, ich schlafe nicht. Ich muß hier aufpassen. Der Mann nickte: So, dafür hast du wohl den großen Stock da?

(4) Ja, antwortete Jürgen mutig und hielt den Stock fest.

(5) Worauf paßt du denn auf?

(6) Das kann ich nicht sagen. Er hielt die Hände fest um den Stock.

(7) Wohl auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an seinem Hosenboden hin und her.

(8) Nein, auf Geld überhaupt nicht, sagte Jürgen verächtlich. Auf ganz etwas anderes.

(9) Na, was denn?

(10) Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.

(11) Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb habe. Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu.

(12) Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist, meinte Jürgen geringschätzig, Kaninchenfutter.

(13) Donnerwetter, ja! sagte der Mann verwundert, bist ja ein fixer Kerl. Wie alt bist du denn?

(14) Neun.

(15) Oha, denk mal an, neun also. Dann weißt du ja auch, wieviel drei mal neun sind, wie?

(16) Klar, sagte Jürgen und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: Das ist ja ganz leicht. Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. Dreimal neun, nicht? fragte er noch mal, siebenundzwanzig. Das wußte ich gleich.

(17) Stimmt, sagte der Mann, genau soviel Kaninchen habe ich.

(18) Jürgen machte einen runden Mund: Siebenundzwanzig?

(19) Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du?

(20) Ich kann doch nicht. Ich muß doch aufpassen, sagte Jürgen unsicher.

(21) Immerzu? fragte der Mann, nachts auch?

(22) Nachts auch. Immerzu. Immer. Jürgen sah an den krummen Beinen hoch. Seit Sonnabend schon, flüsterte er.

(23) Aber gehst du denn gar nicht nach Hause? Du mußt doch essen, Jürgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot. Und eine Blechschachtel.

(24) Du rauchst? fragte der Mann, hast du denn eine Pfeife?

(25) Jürgen faßte seinen Stock fest an und sagte zaghaft: Ich drehe. Pfeife mag ich nicht.

(26) Schade, der Mann bückte sich zu seinem Korb, die Kaninchen hättest du ruhig mal ansehen können. Vor allem die Jungen. Vielleicht hättest du dir eines ausgesucht. Aber du kannst hier ja nicht weg.

(27) Nein, sagte Jürgen traurig, nein nein.

(28) Der Mann nahm den Korb und richtete sich auf. Na ja, wenn du hierbleiben mußt – schade. Und er drehte sich um. Wenn du mich nicht verrätst, sagte Jürgen da schnell, es ist wegen den Ratten. Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: Wegen den Ratten?

(29) Ja, die essen doch von Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.

(30) Wer sagt das?

(31) Unser Lehrer.

(32) Und du paßt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann.

(33) Auf die doch nicht! Und dann sagte er ganz leise: Mein Bruder, der liegt nämlich da unten. Da. Jürgen zeigte mit dem Stock auf die zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war das Licht weg im Keller. Und er auch. Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Er muß hier ja noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich.

(34) Der Mann sah von oben auf das Haargestrüpp. Aber dann sagte er plötzlich: Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, daß die Ratten nachts schlafen?

(35) Nein, flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, das hat er nicht gesagt.

(36) Na, sagte der Mann, das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht mal weiß. Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird, schon.

(37) Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt.

(38) Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten. Da sagte der Mann (und seine krummen Beine waren ganz unruhig dabei): Weißt du was? Jetzt füttere ich schnell meine Kaninchen und wenn es dunkel wird, hole ich dich ab. Vielleicht kann ich eins mitbringen. Ein kleines oder, was meinst du?

(39) Jürgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue. Ich weiß nicht, sagte er leise und sah auf die krummen Beine, wenn sie wirklich nachts schlafen.

(40) Der Mann stieg über die Mauerreste weg auf die Straße. Natürlich, sagte er von da, euer Lehrer soll einpacken, wenn er das nicht mal weiß.

(41) Da stand Jürgen auf und fragte: Wenn ich eins kriegen kann? Ein weißes vielleicht?

(42) Ich will mal versuchen, rief der Mann schon im Weggehen, aber du mußt hier solange warten. Ich gehe dann mit dir nach Hause, weißt du? Ich muß deinem Vater doch sagen, wie so ein Kaninchenstall gebaut wird. Denn das müßt ihr ja wissen.

(43) Ja, rief Jürgen, ich warte. Ich muß ja noch aufpassen, bis es dunkel wird. Ich warte bestimmt. Und er rief: Wir haben auch noch Bretter zu Hause. Kistenbretter, rief er.

(44) Aber das hörte der Mann schon nicht mehr. Er lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend und Jürgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurchschien, so krumm waren sie. Und der Korb schwenkte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.

Text nach „An diesem Dienstag“ (Projekt Gutenberg), alte Rechtschreibung, Absätze nummeriert. Borchert setzt die wörtliche Rede ohne Anführungszeichen.

Erklärung

Erzähler ist nicht gleich Autor

Die Autorin oder der Autor hat den Text geschrieben. Der Erzähler ist eine Stimme im Text, die erzählt. Schreib deshalb nie „Der Autor sagt, Mira trinkt …“, sondern „Der Erzähler berichtet …“ oder „Es wird erzählt …“.

Erzählform

  • Ich-Erzähler: Eine Figur erzählt selbst („Ich sah auf den Becher.“).
  • Er-/Sie-Erzähler: Der Erzähler spricht über die Figuren in der dritten Person („Mira sah auf den Becher.“).

Erzählperspektive (Erzählverhalten)

PerspektiveKennzeichenWirkung
auktorialDer Erzähler weiß mehr als die Figuren, kennt Gedanken mehrerer Figuren, kommentiert oder kündigt an.Überblick, Distanz
personalErzählt wird aus der Sicht einer Figur. Wir kennen nur deren Wahrnehmung und Gedanken.Nähe, Spannung durch begrenztes Wissen
neutralNur Äußeres wird gezeigt, wie von einer Kamera: Handlungen, Gesten, Gesagtes. Keine Gedanken.Sachlichkeit, Leerstellen

Wie die Figuren zu Wort kommen

  • Erzählerbericht: Der Erzähler berichtet die Handlung.
  • Figurenrede: Figuren sprechen in direkter oder indirekter Rede.
  • Gedankenrede und innerer Monolog: Gedanken einer Figur, mit „dachte er“ oder direkt in der Ich-Form.
  • Erlebte Rede: Gedanken einer Figur in der dritten Person und im Präteritum, ohne „dachte sie“: „Er wusste das noch.“ (aus „Kakao“, Abs. 8)

Erzählzeit und erzählte Zeit

  • Erzählzeit: Wie lange du zum Lesen brauchst.
  • Erzählte Zeit: Wie lange die Handlung dauert.
VerhältnisBeispielWirkung
zeitdeckend (Erzählzeit ungefähr gleich erzählte Zeit)DialogeWir erleben die Szene wie in Echtzeit.
zeitraffend (Erzählzeit kürzer)„seit über einem Jahr“ in einem SatzUnwichtiges oder lange Zeiträume werden übersprungen.
zeitdehnend (Erzählzeit länger)ausführliche Beschreibung eines kurzen MomentsEin Augenblick wird hervorgehoben.

Eine Rückblende erzählt Ereignisse aus der Vergangenheit, oft im Plusquamperfekt.

Beispiele

Beispiel 1: Erzählperspektive in „Kakao“

„Kakao“ hat einen Er-/Sie-Erzähler und erzählt personal aus Miras Sicht. Belege:

  • Wir erfahren Miras Gedanken und Wissen: „Sie trank seit über einem Jahr keinen Kakao mehr.“ (Abs. 6). Auch was sie unterlässt, wird aus ihrer Sicht erzählt: „Mira fragte nicht, wer sie ausgesucht hatte“ (Abs. 3).
  • Wir erfahren nicht, was der Vater denkt. Wir sehen nur, was er tut: „Er sah auf die Uhr und dann auf den Becher“ (Abs. 9).
  • Erlebte Rede: „Er wusste das noch.“ (Abs. 8) und „Zu früh.“ (Abs. 9) sind Miras Gedanken, ohne dass „dachte sie“ dabei steht.

Wirkung: Wir teilen Miras Wissen und ihr Schweigen. Weil wir die Gedanken des Vaters nicht kennen, bleibt offen, ob er etwas ahnt.

Beispiel 2: Zeitgestaltung in „Kakao“

Die erzählte Zeit beträgt nur einige Minuten. Die Dialoge sind zeitdeckend. In Absatz 6 und 7 springt die Geschichte in Rückblenden zurück: in den Sommer der Trennung und in einen Urlaub, als Mira sieben war. Absatz 5 blickt dagegen voraus („Um vier würde ihre Mutter …“). So zeigt ein kurzer Moment an der Raststätte die Geschichte einer ganzen Familie.

Beispiel 3: Der Anfang von „Nachts schlafen die Ratten doch“

Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

Wolfgang Borchert, Nachts schlafen die Ratten doch (1947), Anfang. Text nach Projekt Gutenberg (alte Rechtschreibung).

Danach heißt es, „er“ habe die Augen zu und merke, dass jemand vor ihm steht. Er sieht nur „zwei etwas ärmlich behoste Beine“. Erst später erfahren wir, dass er Jürgen heißt und neun Jahre alt ist. Die Geschichte wird über weite Strecken personal aus Jürgens Sicht erzählt: Den Mann nehmen wir zuerst nur über seine Beine wahr, so wie Jürgen ihn von unten sieht. Ein großer Teil besteht aus zeitdeckendem Dialog.

Merksatz

Unterscheide Autor und Erzähler. Bestimme die Erzählform (Ich oder Er/Sie) und die Perspektive (auktorial, personal, neutral). Achte darauf, wie Figuren zu Wort kommen und wie die Zeit gestaltet ist (zeitdeckend, zeitraffend, zeitdehnend, Rückblende). Nenne immer die Wirkung.

Übungen

Grundlagen

  1. Bestimme Erzählform und Perspektive: „Ich wusste nicht, was er dachte. Er sah aus dem Fenster und schwieg.“
  2. Ordne zu (Erzählerbericht, direkte Rede, erlebte Rede): a) „Sieben“, sagte er. b) Er wusste das noch. c) Draußen fuhr ein silbernes Auto auf den Parkplatz.
  3. Wie groß ist in „Kakao“ ungefähr die erzählte Zeit, wie groß die Erzählzeit?

Weiter

  1. Schreib Absatz 9 von „Kakao“ so um, dass er auktorial erzählt wird. Was ändert sich in der Wirkung?
  2. Warum erfahren wir erst spät, worauf Jürgen aufpasst? Erkläre den Zusammenhang mit der Erzählweise.

Knobeln

  1. In „Kakao“ steht: „Vielleicht waren sie das schon länger.“ (Abs. 10). Wessen Gedanke ist das? Was verrät das Wort „Vielleicht“ über die Beziehung zwischen Mira und ihrem Vater?

Lösungen

  1. Ich-Erzähler. Die Perspektive ist personal: Wir kennen nur das Wissen der erzählenden Figur, die Gedanken des anderen bleiben verborgen.
  2. a) direkte Rede. b) erlebte Rede. c) Erzählerbericht.
  3. Die erzählte Zeit beträgt einige Minuten, höchstens zwanzig (mit Rückblenden auf mehrere Jahre). Die Erzählzeit liegt bei zwei bis drei Minuten Lesezeit.
  4. Zum Beispiel: „Draußen fuhr Miras Mutter auf den Parkplatz, zehn Minuten zu früh, weil sie den Nachmittag nicht länger allein aushalten wollte. Der Vater erschrak, denn er hatte gehofft, endlich mit seiner Tochter über die Trennung zu sprechen. Er sah auf den Becher und dachte: Sie mag ihn nicht mehr.“ Wirkung: Die Leerstellen verschwinden. Wir wissen mehr als Mira, die Spannung und das Rätselhafte gehen verloren.
  5. Die Geschichte wird aus Jürgens Sicht erzählt. Jürgen will sein Geheimnis zuerst nicht verraten („Das kann ich nicht sagen.“). Weil kein allwissender Erzähler eingreift, erfahren wir es erst, als Jürgen sich dem Mann anvertraut. Die Leserin oder der Leser ist dadurch in derselben Lage wie der Mann: Wir rätseln mit und sind umso betroffener, als wir die Wahrheit erfahren.
  6. Es ist Miras Gedanke (erlebte Rede). „Vielleicht“ zeigt, dass sie es nicht weiß. Sie hat ihren Vater lange nicht mehr genau angesehen. Die beiden sind sich fremd geworden, genau wie der Vater nicht mehr weiß, in welcher Klasse sie ist. Die Entfremdung geht also von beiden Seiten aus.

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