Darum geht es
Ratten schlafen nachts nicht. Sie sind nachtaktiv. Der alte Mann in Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ (1947) weiß das vermutlich. Trotzdem sagt er dem Jungen genau das. Warum lügt er? Um diese Frage zu beantworten, musst du die Figuren genau ansehen, auf die Sprache achten und verstehen, wofür Dinge wie Ratten und Kaninchen in der Geschichte stehen. Lies die Geschichte noch einmal vollständig (Text in Lektion 2), bevor du weiterarbeitest.
Erklärung
Figuren untersuchen
Kurzgeschichten beschreiben ihre Figuren selten direkt. Du erschließt sie aus dem, was sie sagen, tun und verschweigen. Frag dich:
- Was erfahren wir über Alter, Lage, Aussehen?
- Wie verhält sich die Figur, wie spricht sie?
- Was will sie? Was fürchtet sie?
- Wie verändert sie sich im Lauf der Geschichte?
Sprache untersuchen
Achte auf auffällige Wörter und Satzbau. Typisch für Kurzgeschichten sind:
- kurze Sätze und Ellipsen (unvollständige Sätze), die Spannung oder Sprachlosigkeit zeigen,
- Alltagssprache oder Kindersprache, die die Figur lebendig macht,
- sprachliche Bilder: Personifikation, Metapher, Vergleich,
- Wiederholungen und Farben, die eine Stimmung erzeugen.
Symbol und Leitmotiv
Ein Symbol ist ein Gegenstand, der über sich hinausweist und etwas Allgemeines bedeutet (eine Taube für Frieden). Ein Leitmotiv ist ein Wort, Satz oder Bild, das mehrmals wiederkehrt und so den Text zusammenhält.
Leerstellen deuten
Eine Leerstelle ist etwas, das der Text offenlässt. Deute sie vorsichtig und immer mit Bezug auf Hinweise im Text. Formulierungen wie „Es ist denkbar, dass …“ oder „Der Text legt nahe, dass …“ zeigen, dass du deutest.
Beispiele
Beispiel 1: Die Personifikation am Anfang
Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. […] Die Schuttwüste döste.
Fenster, Mauer und Schutt werden wie Lebewesen beschrieben: Das Fenster „gähnte“, die Mauer ist „vereinsamt“, die Schuttwüste „döste“. Die zerstörte Stadt wirkt müde und verlassen. Das „hohle Fenster“ erinnert an eine leere Augenhöhle. Gleich im ersten Satz liegt also der Tod über der Szene, obwohl er nicht genannt wird.
Beispiel 2: Jürgen charakterisieren
| Merkmal | Beleg | Deutung |
|---|---|---|
| neun Jahre alt | „Neun.“ | Ein Kind trägt eine Last, die zu schwer für es ist. |
| treu und entschlossen | Er bewacht die Trümmer „Seit Sonnabend schon“, auch nachts. | Er will seinen toten Bruder vor den Ratten schützen. |
| erschöpft | Er „sah mit einmal ganz müde aus“, als er hört, dass die Ratten nachts schlafen. | Die Anspannung fällt von ihm ab. |
| kindlich | Er glaubt, was der Lehrer sagt („Unser Lehrer.“), und freut sich auf ein weißes Kaninchen. | Trotz des Krieges ist er ein Kind geblieben. |
Beispiel 3: Ratten und Kaninchen als Symbole
Jürgen erklärt: „Ja, die essen doch von Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.“ Die Ratten stehen für den Tod und die Zerstörung des Krieges. Die Kaninchen des Mannes stehen dagegen für das Leben: Sie sind jung, lebendig und brauchen Pflege. Am Ende denkt Jürgen bei den Kuhlen im Schutt nicht mehr an Gräber: „Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten.“ Dann sieht er „Lauter kleine Kaninchen“. Seine Gedanken wenden sich vom Tod zum Leben.
Beispiel 4: Die Farben am Schluss
Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.
Grün steht für Leben und Hoffnung, Grau für Staub, Trümmer und Tod. Das Futter ist grün, aber „etwas grau vom Schutt“. Die Hoffnung ist also da, aber vom Krieg gezeichnet. Ganz rein ist sie nicht.
Merksatz
Erschließe Figuren aus dem, was sie sagen, tun und verschweigen. Untersuche Sprache (Satzbau, Bilder, Farben, Wiederholungen) und deute Symbole und Leitmotive. Deute Leerstellen vorsichtig und immer mit einem Beleg aus dem Text.
Übungen
Grundlagen
- Charakterisiere den alten Mann in drei Merkmalen mit je einem Beleg.
- Wie oft werden die „krummen Beine“ des Mannes erwähnt? Welche Funktion hat diese Wiederholung?
Weiter
- Warum sagt der Mann, dass die Ratten nachts schlafen? Erkläre seine Absicht.
- Der Mann sagt, er wolle mit Jürgen nach Hause gehen und dem Vater zeigen, wie man einen Kaninchenstall baut. Welche Leerstelle entsteht hier, und wie lässt sie sich deuten?
Knobeln
- Untersuche den Titel. Wer spricht den Satz in der Geschichte? Warum hat Borchert gerade diesen Satz als Titel gewählt?
Lösungen
- Zum Beispiel: arm („zwei etwas ärmlich behoste Beine“), aufmerksam und freundlich (er spricht mit Jürgen, fragt nach und lässt ihn erzählen), klug und einfühlsam (er erkennt Jürgens Not und lockt ihn mit den Kaninchen und einer beruhigenden Notlüge nach Hause). Auch „hilfsbereit“ (er will Jürgen abholen) ist richtig.
- Die „krummen Beine“ werden fünfmal genannt (Abs. 22, 28, 38, 39, 44), dazu kommt zweimal das Wort „krumm“ (Abs. 2 und 44). Sie erscheinen am Anfang, als Jürgen die Beine „ziemlich krumm vor ihm“ sieht, während des Gesprächs („Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück“) und am Schluss, als die Sonne „durch die Beine hindurchschien, so krumm waren sie“. Sie sind ein Leitmotiv. Sie zeigen, dass Jürgen den Mann von unten wahrnimmt, also aus Kinderperspektive. Außerdem wird der Mann dadurch menschlich und unvollkommen, keine Heldenfigur.
- Der Mann erkennt, dass Jürgen völlig erschöpft ist und Tag und Nacht in den Trümmern wacht. Er will ihn dazu bringen, nach Hause zu gehen und zu schlafen. Mit der Notlüge nimmt er dem Kind die Angst, ohne seinen Wunsch, den Bruder zu schützen, zu verletzen. Die Lüge ist ein Akt der Fürsorge.
- Leerstelle: Wir erfahren nicht, ob der Mann wirklich zurückkommt und ob Jürgens Vater noch lebt. Deutung: Der Text legt nahe, dass der Mann zurückkommen will, denn er braucht einen Grund, Jürgen nach Hause zu bringen und mit den Erwachsenen zu sprechen. Vielleicht will er den Eltern sagen, wo ihr Sohn die Nächte verbringt. Dass Jürgen „Kistenbretter“ zu Hause erwähnt, zeigt, dass die Familie ein Zuhause hat. Der Schluss lässt Hoffnung zu, beweist sie aber nicht.
- Der Mann spricht den Satz. Er ist der Wendepunkt der Geschichte: Mit ihm löst sich Jürgens Anspannung. Der Titel enthält eine Lüge, die gut gemeint ist. Damit lenkt er den Blick auf das eigentliche Thema: Menschlichkeit in einer zerstörten Welt. Das Wort „doch“ klingt beruhigend, wie ein Erwachsener, der ein Kind tröstet.