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Aus der Vorlage Balladen untersuchen und vortragen

Merkmale einer Ballade

Lektion 1 von 5

Darum geht es

Ein Gedicht über einen Birnbaum? Klingt langweilig. Aber Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ erzählt eine richtige Geschichte: von einem freundlichen alten Herrn, seinem geizigen Sohn und einer schlauen Idee, die über den Tod hinaus wirkt. Gedichte, die eine spannende Geschichte erzählen, heißen Balladen. In dieser Lektion lernst du, woran du eine Ballade erkennst.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines älteren Mannes mit weißem Haar und weißem Schnurrbart im Profil, in dunklem Anzug mit Fliege.
Theodor Fontane im Jahr 1894. Von ihm stammen „Herr von Ribbeck“ und „John Maynard“.Bild: Emil Bieber, Public Domain, Wikimedia Commons (öffnet eine externe Seite)

Der Text

Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (1889)

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Thurme scholl, (5)
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“ (10)

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit,
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab. (15)
Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“ (20)
Und die Kinder klagten, das Herze schwer,
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,
Der neue freilich, der knausert und spart, (25)
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er that,
Als um eine Birn’ in’s Grab er bat, (30)
Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit (35)
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“ (40)

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Text nach der Gedichtausgabe von 1905 (Wikisource), alte Rechtschreibung, Verszählung in Klammern. Plattdeutsch: „wist’ ne Beer?“ heißt „Willst du eine Birne?“, „Lütt Dirn, kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn“ heißt „Kleines Mädchen, komm mal herüber, ich habe eine Birne“, „He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“ heißt „Er ist jetzt tot. Wer gibt uns jetzt eine Birne?“. „lobesam“ bedeutet „lobenswert“, Büdner sind Dorfbewohner mit kleinem Haus und ohne eigenes Ackerland.

Erklärung

Ein Gedicht, das erzählt

Eine Ballade ist ein Erzählgedicht. Sie verbindet drei Dinge, die du sonst aus verschiedenen Textsorten kennst:

MerkmalDas kennst du aus …In der Ballade
erzählendErzählungen, MärchenEs gibt eine Handlung mit Anfang, Höhepunkt und Ende, Figuren und einen Erzähler.
gedichthaftGedichtenDer Text ist in Versen und Strophen geschrieben, meist mit Reim und gleichmäßigem Rhythmus.
dramatischTheaterstückenFiguren sprechen in wörtlicher Rede, oft im Dialog. Die Spannung steigt bis zu einem Höhepunkt.

Johann Wolfgang von Goethe hat die Ballade deshalb mit einem „Ur-Ei“ verglichen: In ihr stecken alle drei Grundformen der Dichtung noch zusammen.

Was Balladen erzählen

Balladen erzählen meist von einem besonderen, oft gefährlichen Ereignis. Häufig geht es um Leben und Tod. Man unterscheidet grob:

  • Naturmagische Balladen: Menschen begegnen unheimlichen Naturkräften oder Geistern (zum Beispiel „Erlkönig“, „Der Knabe im Moor“).
  • Heldenballaden: Ein Mensch bewährt sich in großer Gefahr, oft unter Einsatz seines Lebens (zum Beispiel „John Maynard“).
  • Daneben gibt es Balladen mit heiteren oder legendenhaften Geschichten wie „Herr von Ribbeck“.

Viele bekannte Balladen stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Damals wurden sie oft auswendig gelernt und vorgetragen, wie heute Songs.

Beispiele

Beispiel 1: Der Anfang von „Herr von Ribbeck“

Lies noch einmal die erste Strophe (V. 1–10).

So kannst du die Merkmale nachweisen:

  • Erzählend: Ein Erzähler stellt Ort (Ribbeck im Havelland), Zeit (jeden Herbst) und Hauptfigur vor. Er erzählt, was regelmäßig geschah.
  • Gedichthaft: Die Verse reimen sich paarweise: Havelland/stand, Herbsteszeit/breit, scholl/voll.
  • Dramatisch: Ribbeck spricht selbst, in wörtlicher Rede und sogar im Dialekt. Wir hören ihn, als stünden wir daneben.

Beispiel 2: Die Handlung in drei Schritten

Die ganze Ballade erzählt die Geschichte in drei Schritten:

  1. Ausgangslage: Der alte Ribbeck verschenkt jeden Herbst Birnen an die Kinder.
  2. Wendepunkt: Er spürt, dass er bald stirbt. Er misstraut seinem geizigen Sohn und lässt sich eine Birne mit ins Grab legen.
  3. Lösung: Aus dem Grab wächst ein Birnbaum. Die Kinder bekommen wieder Birnen, der Baum „flüstert“ ihnen Ribbecks Worte zu.

Der Schluss fasst die Botschaft zusammen:

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(V. 41–42)

Die letzte Strophe greift den ersten Vers wieder auf. So entsteht ein Rahmen: Die Ballade endet, wo sie begonnen hat, nur mit neuer Bedeutung.

Merksatz

Eine Ballade ist ein Gedicht, das eine spannende Geschichte erzählt. Sie ist erzählend (Handlung, Figuren, Erzähler), gedichthaft (Verse, Strophen, Reim) und dramatisch (wörtliche Rede, Spannung bis zum Höhepunkt).

Übungen

Grundlagen

  1. Schreib in drei Sätzen auf, worum es geht.
  2. Nenne die drei Merkmale einer Ballade. Finde zu jedem Merkmal einen Beleg mit Versangabe aus „Herr von Ribbeck“.
  3. Wer spricht in der Ballade alles? Nenne mindestens drei Sprecher.

Weiter

  1. Warum lässt sich der alte Ribbeck eine Birne ins Grab legen? Begründe mit den Versen 23–30.
  2. Die Kinder klagen nach Ribbecks Tod: „He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“ (V. 22). Der Erzähler sagt danach: „Das war nicht recht“ (V. 23). Was meint er damit?

Knobeln

  1. Ein Mitschüler sagt: „‚Herr von Ribbeck‘ ist keine richtige Ballade, weil niemand in Gefahr ist.“ Nimm Stellung. Nutze dabei die drei Merkmale.

Lösungen

  1. Beispiel: Der alte Herr von Ribbeck schenkt jeden Herbst den Kindern Birnen aus seinem Garten. Weil er seinem geizigen Sohn nicht traut, lässt er sich bei seinem Tod eine Birne mit ins Grab legen. Aus ihr wächst ein Birnbaum, der die Kinder auch nach seinem Tod mit Birnen beschenkt.
  2. Erzählend: Ein Erzähler berichtet von Ribbeck und seinem Birnbaum (V. 1–2). Gedichthaft: Paarreim, zum Beispiel Havelland/stand (V. 1–2). Dramatisch: Ribbeck spricht in wörtlicher Rede: „Junge, wist’ ne Beer?“ (V. 8). Andere passende Belege sind ebenfalls richtig.
  3. Der Erzähler, der alte Ribbeck („Ich scheide nun ab“, V. 15), die Kinder („Wer giwt uns nu ’ne Beer?“, V. 22) und am Ende der Birnbaum, der flüstert (V. 38–40).
  4. Er ahnt, dass sein Sohn geizig ist und die Birnen nicht mehr verschenken wird. Im Text steht, er war „vorahnend schon / Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn“ (V. 27–28). Der neue Ribbeck „knausert und spart“ (V. 25). Mit der Birne im Grab sorgt der Alte dafür, dass auf dem Kirchhof (V. 37) ein Baum wächst, der außerhalb des Gartens steht und auf den der geizige Sohn keinen Zugriff hat.
  5. Die Kinder glauben, mit Ribbecks Tod sei alles vorbei. Der Erzähler sagt, dass sie sich irren. Sie unterschätzen den alten Ribbeck. Er hat vorgesorgt. Der Satz baut Spannung auf: Die Leserin oder der Leser will wissen, was Ribbeck geplant hat.
  6. Der Mitschüler hat insofern recht, als es keinen Kampf und keine Lebensgefahr gibt. Trotzdem erfüllt der Text alle drei Merkmale: Er erzählt eine Geschichte mit Wendepunkt (erzählend), ist in gereimten Versen geschrieben (gedichthaft) und lässt Figuren in wörtlicher Rede sprechen (dramatisch). Außerdem geht es um den Tod einer Figur. Gefahr ist typisch für viele Balladen, aber kein Muss. „Herr von Ribbeck“ ist also eine Ballade, und zwar eine heitere.

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