Einstieg: Ist unser Bach gesund?
Hinter dem Schulhaus fliesst ein Bach. Das Wasser sieht klar aus, aber sagt das etwas über seinen Zustand? Fachleute der Kantone untersuchen Bäche regelmässig. Sie messen Temperatur und Nährstoffe und zählen die Kleintiere am Bachgrund. In dieser Lektion planst du eine eigene Untersuchung und lernst, die Methoden kritisch zu prüfen.
Erklärung: Eine Untersuchung planen
1. Frage und Messstelle
Jede Untersuchung beginnt mit einer Frage, zum Beispiel: „Unterscheidet sich der Bach oberhalb und unterhalb der Siedlung?“ Wähle dafür mindestens zwei Messstellen, die gut und sicher erreichbar sind. Beschreibe jede Stelle: Ufer (natürlich oder verbaut), Beschattung, Untergrund, Breite und Tiefe.
2. Abiotische Faktoren messen
| Grösse | Methode | Hinweis |
|---|---|---|
| Wassertemperatur | Thermometer 1 Minute ins fliessende Wasser halten | Lufttemperatur zum Vergleich notieren |
| Fliessgeschwindigkeit | Schwimmkörper (z. B. Orangenschale) über 10 m treiben lassen, Zeit stoppen | dreimal messen, Mittelwert bilden |
| Sauerstoff | Teststreifen oder Tropfentest, falls vorhanden | sofort nach der Probenahme messen |
| Nitrat, Phosphat | Teststreifen oder Tropfentest | Farbskala bei Tageslicht ablesen |
| pH-Wert | Indikatorpapier oder pH-Meter | |
| Trübung und Geruch | Wasser in einem weissen Becher betrachten, vorsichtig zufächeln |
Die Fliessgeschwindigkeit berechnest du mit . Treibt die Orangenschale 10 m in 12,5 s, ist . Gemessen hast du damit die Geschwindigkeit an der Oberfläche. Am Grund ist das Wasser langsamer.
3. Biotische Faktoren erfassen
Hebe Steine aus dem Wasser und spüle die Tiere mit wenig Wasser in eine weisse Schale. Oder halte einen Kescher stromabwärts hinter einen Stein und wirble den Grund kurz mit dem Fuss auf. Bestimme die Tiere mit einem Bestimmungsschlüssel und zähle sie. Danach kommen alle Tiere zurück an ihren Fundort.
4. Methodenkritik
Eine gute Untersuchung prüft am Ende ihre eigenen Methoden:
- Genauigkeit: Wie genau sind die Messgeräte? Teststreifen zeigen nur grobe Bereiche.
- Wiederholung: Wurde mehrmals gemessen und ein Mittelwert gebildet?
- Vergleichbarkeit: Wurde an beiden Messstellen gleich vorgegangen, zur gleichen Tageszeit, gleich lang gesucht?
- Störungen: Gab es Regen am Vortag, Bauarbeiten oberhalb der Messstelle oder einen besonders heissen Tag?
- Stichprobe: Wurden genug Stellen untersucht, um eine Aussage über den ganzen Bach zu machen?
Sicherheit am Bach
- Nie allein ans Wasser. Nur dort ins Wasser, wo es höchstens knietief ist und die Strömung schwach. Bei Gewitter, Hochwasser oder trübem, schnell steigendem Wasser sofort zurück ans Ufer.
- Unterhalb von Wasserkraftwerken kann der Wasserstand ohne Vorwarnung stark steigen. Hinweistafeln beachten.
- Gummistiefel tragen, nicht barfuss: Scherben und rutschige Steine. Lange Hosen gegen Zecken, nach dem Ausflug absuchen.
- Hände nach der Arbeit waschen, nichts essen, bevor die Hände sauber sind.
- Tiere schonen: nur kurz in der Schale beobachten, im Schatten, mit Bachwasser, und am Fundort zurücksetzen. Krebse und Fische nicht fangen.
- Kiesbänke im Herbst und Winter nicht betreten: Dort laichen Bachforellen.
- Stiefel und Kescher nach dem Ausflug reinigen und trocknen, bevor sie an einem anderen Gewässer benutzt werden. So verschleppst du keine Krankheiten wie die Krebspest und keine gebietsfremden Arten.
- In Naturschutzgebieten gelten besondere Regeln. Die Lehrperson klärt vorher ab, was erlaubt ist.
Beispiele
Beispiel 1: Eine Messreihe
| Messstelle A (Wald, oberhalb) | Messstelle B (unterhalb Siedlung) | |
|---|---|---|
| Wassertemperatur | 11 °C | 15 °C |
| Fliessgeschwindigkeit | 0,8 m/s | 0,4 m/s |
| Nitrat (Teststreifen) | 10 mg/l | 25 mg/l |
| Ufer | Bäume, natürlich | Mauer, wenig Schatten |
Auswertung: Unterhalb der Siedlung ist der Bach wärmer und langsamer und enthält mehr Nitrat. Die fehlende Beschattung erklärt die höhere Temperatur. Das Nitrat könnte von Dünger aus Gärten oder Feldern stammen.
Beispiel 2: Methodenkritik Die Messung bei A fand um 9 Uhr statt, die bei B um 11 Uhr. Am späten Vormittag hat die Sonne das Wasser bereits länger erwärmt. Der Temperaturunterschied ist also zum Teil eine Folge der Tageszeit. Besser: beide Stellen gleichzeitig von zwei Gruppen messen lassen.
Merksatz
Eine Gewässeruntersuchung braucht eine klare Frage, vergleichbare Messstellen, wiederholte Messungen abiotischer Faktoren und eine Erfassung der Lebewesen. Am Schluss prüft man die Methoden kritisch: Genauigkeit, Wiederholung, Vergleichbarkeit und Störungen. Sicherheit und Schutz der Tiere gehen vor.
Übungen
Grundlagen
- Nenne vier abiotische Faktoren, die du am Bach messen kannst, und das Messgerät dazu.
- Eine Orangenschale treibt 10 m in 20 s. Berechne die Fliessgeschwindigkeit.
- Nenne drei Sicherheitsregeln für die Arbeit am Bach.
Weiter
- Warum soll man die Fliessgeschwindigkeit mindestens dreimal messen?
- Formuliere eine eigene Untersuchungsfrage für einen Bach oder See in deiner Nähe und begründe die Wahl der Messstellen.
- Erkläre, warum man Stiefel nach dem Ausflug reinigen und trocknen soll.
Knobeln
- Eine Gruppe findet an Stelle A 40 Tiere, an Stelle B 12. Sie hat bei A 15 Minuten gesucht, bei B nur 5. Was kann sie aus den Zahlen schliessen? Schlage eine bessere Vorgehensweise vor.
- Der Nitratwert ist an beiden Stellen gleich, aber am Vortag hat es stark geregnet. Wie könnte der Regen das Ergebnis beeinflusst haben?
Lösungen
- Zum Beispiel: Wassertemperatur mit dem Thermometer, Fliessgeschwindigkeit mit Schwimmkörper, Massband und Stoppuhr, Nitrat mit Teststreifen, pH-Wert mit Indikatorpapier oder pH-Meter.
- .
- Zum Beispiel: Nie allein ans Wasser. Nur ins höchstens knietiefe Wasser. Bei Gewitter oder steigendem Wasser sofort zurück. Gummistiefel tragen. Hände waschen.
- Der Schwimmkörper treibt nicht immer gleich, er kann an Steinen hängen bleiben oder in eine Seitenströmung geraten. Ein Mittelwert aus mehreren Messungen ist zuverlässiger.
- Individuelle Lösung. Beispiel: „Hat die Kläranlage einen Einfluss auf den Bach?“ Messstellen oberhalb und unterhalb der Einleitung, mit ähnlichem Untergrund und ähnlicher Beschattung, damit nur ein Faktor verschieden ist.
- An nassen Stiefeln und Netzen können Krankheitserreger, Eier oder Larven haften, zum Beispiel der Erreger der Krebspest oder junge Muscheln gebietsfremder Arten. Reinigen und vollständiges Trocknen tötet sie ab, sodass sie nicht in ein anderes Gewässer gelangen.
- Die Zahlen sind nicht vergleichbar, weil die Suchzeit verschieden war. Pro Minute sind es bei A rund 2,7 Tiere, bei B rund 2,4 Tiere, also fast gleich viele. Besser: an beiden Stellen gleich lange und mit derselben Methode suchen, zum Beispiel immer fünf Steine gleicher Grösse.
- Regen kann Dünger von Feldern und Gärten in den Bach spülen und den Nitratwert erhöhen. Er kann den Bach aber auch verdünnen. Ausserdem wird das Wasser trüb und schneller. Die Messung zeigt dann nicht den normalen Zustand. Besser ist es, nach einigen trockenen Tagen zu messen oder die Messung zu wiederholen.